Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Freitag, 19. Juni 2015

Selina und der traurige Delfin von Doris Thomas



Selina geht in die zweite Klasse. Endlich darf sie ihren Vater bei der Arbeit besuchen. Er leitet das Delfinarium "Super Welle". Als ihr Haarband in das Becken mit den Delfinen fällt, lehnt sie sich weit über das Wasser ... und verliert das Gleichgewicht! Eine spannende und rührende Geschichte, die für das Thema Gefangenschaft sensibilisiert. Kombination aus Vorlese- und Lesebuch, ideal für 1. und 2. Klasse, aber auch für ältere Kinder geeignet. Mit extra großer Schrift für die Sätze, die das Kind lesen kann. Ideal für eine gemeinsame schöne Lesezeit!
Erhältlich bei Amazon.




Selina ist sehr aufgeregt. In Super Welle ist es sicher wunderschön.
„Mama, morgen werde ich echte Delfine sehen!", berichtet sie zuhause sofort ihrer Mutter und ihre Augen strahlen dabei.
Endlich ist der Abend da. „Nur noch einmal schlafen", denkt sich Selina.                     
Sie darf noch ein wenig fernsehen, weil sie vor Aufregung noch gar nicht müde ist. Wie der Zufall es will, kommt gerade heute ein Bericht über Delfine im Meer. Gebannt sitzt Selina davor. Manchmal klatscht sie vor Begeisterung in die Hände. „Mama, Papa, schaut doch mal, wie viele Delfine da schwimmen!" Der Vater schaut von der Zeitung hoch und die Mutter legt ihr Buch beiseite. Alle drei haben ein Lächeln im Gesicht.



Heute geht Selina ausnahmsweise ohne Murren ins Bett. Sie sucht ihr liebstes Stofftier, einen blauen Delfin, und kuschelt sich in ihre Decke.

"Morgen besuche ich euch", flüstert Selina dem Delfin zu.


Sie reibt sich die Augen, sie gähnt herzhaft ... doch einschlafen kann sie nicht. Deshalb summt sie dem Delfin noch ein Lied vor und landet dabei schließlich doch im Reich der Träume.
Dreimal darfst du raten, von was sie träumt!
Richtig, sie träumt natürlich von Delfinen im Meer.
Ist Selina auf einem Boot oder schwimmt sie? Sie weiß es nicht genau. Eigentlich ist es so, als würde sie über dem Wasser schweben.

Um sie herum sausen Delfine durchs Wasser.


Das Meer ist riesig, nirgendwo ist Land in Sicht. Die Delfine springen durch die Wellen und Wasser spritzt nach allen Seiten. Dann taucht die Delfinfamilie unter. Selina ist im Traum nun selber unter Wasser und kann den Delfinen nachschauen. So ein aufregender Traum! Die Delfine gleiten tief hinunter, ganz tief. Dann verschwinden sie schließlich im dunklen geheimnisvollen Blau.

Was werden sie dort unten wohl tun?



Doris Thomas, Kinderbuchautorin und Künstlerin aus Bayern
Die Unterwasserwelt der Ozeane ist gleichermaßen unglaublich wie atemberaubend. Doris Thomas, seit über 25 Jahren engagierte Wal- und Delfinschützerin, ermöglicht mit ihren fesselnden Geschichten und ausdrucksstarken Illustrationen, dass sich Kinder gut in diese faszinierende fremde Welt hineinversetzen können. Viele ihrer Bücher wurden vom Verlag an der ESTE veröffentlicht, darunter auch die sehr erfolgreiche Serie über den Schwertwal Zabu.
Mit abwechslungsreichen Geschichten und spannenden Abenteuern lernen die Kinder nicht nur viele verschiedene Meeresgeschöpfe kennen, sondern werden auch ganz nebenbei für Umweltthemen sensibilisiert. In einigen Werken dreht sich die Handlung um Delfine in Gefangenschaft. Nichts kann die Freiheit ersetzen, das ist den jungen Lesern schnell klar. Mitgefühl für fremde Wesen wecken ist das erfolgreiche Konzept der Autorin Doris Thomas. Deshalb wurden auch viele ihrer Leser bereits zu engagierten Walschützern.
Zwei neue unterhaltsame Buchprojekte hat die Autorin vor Kurzem über BoD herausgebracht. (siehe unten). Das Kinderbuch "Selina und der traurige Delfin" soll es in Zukunft auch in Englisch, Französisch und Italienisch geben, um noch mehr potentielle Besucher von Delfinarien zu erreichen. Der Verbraucher hat die Macht, die Ausbeutung der intelligenten, sozialen und bewegungsfreudigen Tiere zu beenden.

Wichtige Links:
Homepage der Autorin: http://www.doris-t.de/
Bücher des ESTE-Verlages von Doris Thomas bei Leseland.de http://www.leseland.de/artikelliste.php?autor=Doris%20Thomas


Dienstag, 16. Juni 2015

Die Welt der Kuh Lisa von Gert Cloßmann



 
 
Klappentext:
Lisa hatte das Gefühl, kaum erst eingeschlafen zu sein, als laute Hilferufe sie aufschreckten. »Hilfe, Hilfe, er will mich fangen und fressen«, rief da jemand ganz in ihrer Nähe. Noch schlaftrunken sprang sie auf, dass ihr im ersten Moment ganz schwindelig wurde. Sie wusste noch nicht sicher, ob sie schon wach war oder noch immer in ihrem fürchterlichen Albtraum. Darin hatten Löwen und Tiger sie fressen wollen. In panischer Angst war sie vor ihnen durch einen furchterregend dunklen Wald geflohen. Dabei sprangen über ihr Elefantastische von Baum zu Baum und Affen mit langen Rüsseln rissen Blätter und Zweige von Bäumen. Verstört blickte sie nun um sich und merkte, dass sie tatsächlich aufgewacht war und weder Löwen noch Tiger zu sehen waren. Dafür schrie direkt neben ihr Max Mäuserich ganz erbärmlich um Hilfe. »Aber Max, was ist denn passiert?«, fragte Lisa. »Du zitterst ja am ganzen Leib.« »Dededededer Bussard«, stammelte Max. »Er hatte mich schon beinahe gefangen …«



Leseprobe:
       Oskar und die freche Fliegenbande
     
            Kaum hatte Lisa es sich gemütlich gemacht und die Augen geschlossen, da spürte sie ein Kitzeln auf der Nasenspitze. Zunächst dachte sie sich nichts dabei und schüttelte kräftig den Kopf. Das Kitzeln aber hörte nicht auf. » Was ist das nur?«, fragte sie sich. Langsam öffnete sie ihre Augen und versuchte, in Richtung ihrer Nasenspitze zu blinzeln. Doch zunächst sah sie gar nichts. Also versuchte sie, erst mit dem linken und dann mit dem rechten Auge ihre Nasenspitze zu erkennen. Doch so klappte das auch nicht. Schließlich versuchte sie, beide Augen nach innen zu drehen, bis sie ganz fürchterlich schielte. Allmählich konnte sie tatsächlich etwas kleines erkennen, einen schwarzen Punkt mitten auf ihrer Nase. Und dann sah sie, wer sie da störte: Es war Oskar, der Anführer der frechen Fliegenbande, der auf ihrer Nasenspitze herumtrippelte und -tänzelte. »Was soll das, Oskar? Du kitzelst mich auf der Nase«, empörte sich Lisa. »Aber, ich wollte dir doch nur helfen, Lisa. Hier hat ein Krümel geklebt. Den wollte ich wegnehmen«, erwiderte Oskar. »Wenn da wirklich ein Krümel gewesen wäre, hätte ich ihn längst bemerkt und entfernt«, schimpfte Lisa »Aber Lisa, du hättest doch niemals einen Krümel von deiner Nase entfernen können. Und anstatt mir zu danken, schimpfst du nur«, beschwerte sich Oskar. »So ein Krümel auf der Nase ist doch kein Problem für mich«, erwiderte Lisa. »Schau!« Ehe es sich der freche Oskar versah, schnellte Lisas dicke, klebrige Zunge mit Schlapp und Klatsch mitten auf ihre Nase. Oskar konnte nur mit knapper Not zur Seite schwirren. »Du bist gemein, Lisa«, zeterte Oskar, dem vor lauter Schreck alle Haare zu Berge standen. »Du hättest mich beinahe umgebracht und womöglich noch gefressen?!«, schimpfte er. »Ach Oskar, du weißt doch, dass ich nur Gras und Klee fresse, keine Fliegen«, erwiderte Lisa. »Woher soll ich denn wissen, was du alles vertilgst. Aber diese Gemeinheit sollst du mir büßen«, zeterte der Anführer der Fliegenbande. Dann gab er seinen Kumpanen ein Zeichen und schon schwirrte und summte es um ihren Kopf herum, dass ihr Hören und Sehen verging. Die Fliegen krabbelten nicht nur auf Lisas Nase, sondern kitzelten sie auch in den Ohren, trippelten auf ihren Augenlidern und versuchten sogar, in Lisas Augen zu kriechen. Die arme Kuh schüttelte wie wild ihren Kopf, schwenkte ihn hin und her, klimperte mit den Augen und wedelte mit den Ohren. Aber so sehr sie auch versuchte, sich von den kleinen Krabbeltieren zu befreien, es half alles nichts. Zwar schwirrten die Fliegen auf, kaum dass Lisa den Kopf bewegte, doch im Handumdrehen saßen sie wieder an der gleichen Stelle wie zuvor. Selbst wenn sie ihre Zunge wieder und wieder auf die Nase klatschen ließ, die schwirrende und summende Plage ließ nicht locker und piesackte die arme Kuh. Lisa überlegte fieberhaft, wie sie sich möglichst schnell von Oskar und seinen Kumpanen befreien könnte. Und weil sie keine dumme Kuh war, fiel ihr ein, wovor sich die Fliegen besonders fürchteten. Mit einer Geschwindigkeit, die niemand der guten Lisa zugetraut hätte, sprang sie auf alle vier Beine und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Oskar und seine Fliegenbande wussten zunächst gar nicht, wie ihnen geschah. Oskar schrie: »Hör auf damit, Lisa. Uns wird ganz schwindlig, wenn du dich so schüttelst.« Da rannte Lisa so plötzlich los, dass Oskar und seine Freunde Mühe hatten, ihr zu folgen. Dabei rief sie laut: »Alle aufpassen! Ich muss Oskar und seine Plagegeister loswerden.« Lisa rannte wie wild und schlug dabei Haken wie ein Hase. Beinahe wäre sie sogar mit dem kleinen Marienkäfer Fido, der gerade über die Weide geschwirrt kam, zusammengestoßen. Ehe Fido merkte, was da vorging, fand er sich mitten in einem Schwarm Fliegen wieder. »Lasst mich in Frieden, ihr schrecklichen Fliegen«, schimpfte Fido. »Und lasst die arme Lisa in Ruhe, die hat euch doch nichts getan.« »Sie hat versucht mich aufzufressen!«, wetterte Oskar. »So ein Quatsch«, sagte Fido. »Lisa frisst nur Gras und Klee, keine Fliegen. Vergnügt euch lieber auf dem Misthaufen, auf dem ihr sonst immer sitzt.« So plötzlich Fido in den Fliegenschwarm hineingeraten war, so plötzlich war er wieder allein. Von Weitem sah er gerade noch, wie die Hummeln Brummel und Grummel hektisch aus einem Kleekissen emporschwirrten. Dort hatten sie bis eben noch Nektar gesammelt, als Lisa an ihnen vorbeistürmte. »Oje, oje«, jammerte Grummel ganz verschreckt. »Du hättest uns beinahe zertreten, Lisa.« »Na ja, uns ist ja nichts passiert«, beschwichtigte Brummel. »Nein, nein, nein, immer wieder sorgt Oskar für Ärger und Aufregung.« Aber so schnell Lisa, verfolgt von den Fliegen, aufgetaucht war, so schnell war sie auch wieder fort. In halsbrecherischem Galopp lief sie nun einen großen Bogen ganz dicht an Giselas Netz vorbei, sodass es heftig zu zittern begann. Der Spinne verschlug es vor Schreck beinahe den Atem. Dann schimpfte sie lauthals hinter Lisa her: »Kannst du nicht aufpassen? Fast hättest du mein schönes Netz zerrissen.« Lisa hörte kaum, was die Spinne sagte, und rannte weiter. So bekam sie auch nicht mit, dass Gisela sich schon bald wieder beruhigt hatte, als sie die Extramalzeit bemerkte.. Einige Fliegen hatten sich im Netz der Spinne verfangen und zappelten nun hilflos in der Falle.  


Der Autor:
Gert Cloßmann wurde 1949 in Weißenfels/Saale geboren. Der Autor war lange Jahre als Wirtschaftsredakteur in Frankfurt/Main, Bonn und Berlin tätig.
Die Idee zum Schreiben von Kindergeschichten entstand beim abendlichen Vorlesen für seine beiden Töchter.






Freitag, 12. Juni 2015

Klausmüller - Ein Esel auf Verbrecherjagd von Pebby Art

Klausmüller, der lebendige, kleine Stoffesel, begibt sich in seinem zweiten Abenteuer zusammen mit der zwölfjährigen Klara und dem vierzehn Jahre alten Joey auf die Suche nach den Verbrechern, die die alte Frau Greismann ausgeraubt haben.
Fast scheint es, als sei die Verbrecherjagd erfolgreich, als plötzlich eine Erpressernachricht auftaucht. Esel Klausmüller startet noch einmal durch und eine abenteuerliche Verfolgungsjagd beginnt. Dabei erhält er nicht nur von Klara und Joey Unterstützung, sondern ebenso von der etwas durchgeknallten Frau Greismann und ihrer ungestümen Hündin Tessa, deren schlabberige Hundezunge viel zu oft durch Klausmüllers Fell schleckt.
Ein Abenteuerspaß für alle, die sich gerne auf die humorvollen Verrücktheiten eines lebendigen Stoffesels und einer alten Dame einlassen.
Die Lesealterempfehlung liegt bei 10 Jahren und älter.
Erhältlich bei Amazon.



Eine seltsame Begegnung

Stoffesel Klausmüller hüpfte über den weichen Waldboden. Er wühlte sich durch Laubhaufen, die der letzte Herbst zurückgelassen hatte. Hin und wieder schielte er zu Klara und Joey, die auf den Pferden Domino und Artistin saßen. Domino und Artistin ignorierte er.
Es war noch kein Jahr her, da war der kleine Stoffesel durch eine Ritterrüstung gerutscht. Das hatte ihn auf unerklärliche Weise zum Leben erweckt. Seitdem sprang er durch die Gegend, liebte Lampenschirme, wenn er auf ihnen schaukelte und Kekse, wenn sie in sein Maul geschoben wurden. Pferde lehnte er ab. Doch leider liebte Klara sie. Und da Klausmüller seine Klara liebte – vielleicht sogar noch mehr als Kekse – musste er sich damit abfinden, dass auch Pferde bei ihren Ausflügen dabei waren.
Und darum eierten jetzt zwei Pferdehinterteile vor Klausmüller her. Besonders das Hinterteil von Domino sah sehr träge aus. Klaras Fersen stupsten immer mal wieder gegen die Seiten des Pferdes, damit das Hin- und Herschwanken des Pferdepos nicht ganz zum Erliegen kam. Domino war nicht immer so lahm gewesen, doch mittlerweile war er ein ziemlich alter Opa, der das Rennen den Jungen überließ und den nichts aus der Ruhe brachte. Sein ehemals schwarzes Maul war weiß gesprenkelt, sein Rücken hing durch und die Unterlippe schwabbelte wabbelig entspannt herum.
Klausmüller hingegen jagte imaginäre Schurken durch Laubhaufen, schlich sich zwischen Bäumen entlang und schlug jeden Hasen in die Flucht. Der Boden war weich und roch gerade jetzt in der Frühlingssonne so herrlich nach Frische, nach Leben, nach Energie. Und die setzte Klausmüller gerade in Riesenhüpfer um. Zwischendurch schickte er sein allerliebstes Esellächeln zu Klara hoch.
Die zwölfjährige Klara schielte zu Joey und war so froh, wieder hier zu sein, hier ihre Osterferien verbringen zu dürfen, auf dem Hof ihrer Großtante Agnes. Dabei hatte sie sich letzten Sommer erst noch geweigert, in den Ferien zu Tante Agnes zu fahren. Doch das war vor ihrem Urlaub gewesen. Dann hatte sie ja gemerkt, dass Tante Agnes Pferde besaß. Und wäre sie nicht hierhergekommen, wäre Klausmüller nie durch diese Ritterrüstung gerutscht und er wäre weiterhin ein normales Kuscheltier. Das konnte Klara sich nun überhaupt nicht mehr vorstellen, obwohl Klausmüller oft genug so tun musste, als sei er ein Stofftier, nichts weiter als ein Stofftier, denn Klara hatte beschlossen, dass niemand außer ihr und Joey Klausmüllers Geheimnis kennenlernen sollte.
Joey …, ja, den hatten sie auch hier kennengelernt, letzten Sommer, auf dem Hof von Tante Agnes. Joey war dreizehn und er kümmerte sich um die Pferde auf Tante Agnes’ Hof. Er war zunächst nicht so gesprächig gewesen, letztes Jahr, als Klara ihn zum ersten Mal traf, denn er traute nicht jedem und wartete erst einmal ab. Doch da Klara wie er die Pferde liebte und zudem seine Reitkünste bewunderte, hatte er ihr bald ein Lächeln und einen strahlenden Blick aus seinen einzigartig grünen Augen geschenkt. Und es hatte nicht lange gedauert, bis Joey gemerkt hatte, dass Klaras Stoffesel alles andere als ein normales Stofftier war.
Doch sonst wusste niemand von Klausmüllers Fähigkeiten. Und im Wald konnte Klausmüller sich richtig austoben, denn hier war es ziemlich menschenleer. Aber eben leider nur ‚ziemlich‘, denn einer war doch da. Ein Mensch, den weder Klara noch Joey bemerkten. Und auch Klausmüller sah ihn nicht. Und dieser eine Mensch bemerkte auch Klausmüller, Klara und Joey nicht – bis Klausmüller die Beine dieses Menschen mit einem Baum verwechselte und an diesen entlangstrich.
Da war es vorbei mit der Frühlingsidylle im Wald. Ein Spazierstock sauste durch die Frühlingsluft, traf Klausmüller und schleuderte ihn gegen Artistins Schulter. Artistin scheute und Domino spitzte die Ohren.
Im ersten Moment dachte Klara, dass Klausmüller mal wieder seine Sonnenbrille vor die Augen geschoben hätte. Die Brille hatte er letzten Sommer in einem Schuppen gefunden. Und so unwahrscheinlich es auch klang: Diese Brille besaß magische Kräfte. Wenn Klausmüller sie vor die Augen schob, konnte es passieren, dass er unkontrolliert durch die Luft sauste. Doch diesmal hatte er seine Sonnenbrille noch hinter den Ohren sitzen und er flog auch nicht hin und her wie ein Pingpong-Ball, sondern prallte nur einmal gegen Artistin und trudelte dann zu Boden. Dort versank er in einem Blätterhaufen. Aus diesem stöhnte es jetzt und zwei Eselohren kamen zum Vorschein. Dann wabbelte der Haufen hin und her und Klausmüller tauchte wieder auf. 
„Klausmüller!“, rief Klara, „Was machst du da?“
Doch dann schaute sie nach rechts, dahin, wohin auch die Pferde ihre Hälse bogen. Und sie entdeckte ihn, den Menschen. Er war eine Frau. Eine alte Frau. Eine sehr alte Frau.
Sie stand da, neben einem Baum, in der rechten Hand einen Stock, der auf Klara, Joey und die Pferde zielte. Die Beine standen so weit auseinander, dass der graue Rocksaum sich um die kurzen, knorpeligen Beine spannte. Man sah zwar, dass sie schon etliche Lebensjahre auf dem Buckel hatte, doch ihre drohende Haltung und ihr auf die Kinder gerichteter Spazierstock drückten eine gewisse Kampfbereitschaft aus. Klausmüller spürte die Prellung an seiner Schulter und wusste, dass die Oma durchaus bereit war, ihre Kampfbereitschaft in einen Kampfeinsatz umzuwandeln.
Klausmüller, Klara und Joey starrten auf die Kampfomi, die ebenso zurückstarrte. Das weiße Haar hing der Frau etwas wirr ins Gesicht und die Brille saß ziemlich schräg auf einer kleinen Kartoffelnase. Mit gerunzelter Stirn fixierte ihr Blick Klara und Joey. Klara bewegte sich als Erste wieder.
„Guten Tag“, sagte sie und nickte der alten Frau zu.
Daraufhin senkte diese ihren Stock, trat einen Schritt vor und sagte: „Oh wie schön, Kinder mit Pferden! Das sieht man auch selten.“
„Alte Frauen, die so tun, als ob sie alte Bäume wären und dann zuschlagen, sieht man noch seltener.“ Das war Klausmüller. Er pustete gerade ein letztes Laubblatt von seinem Fell.
Klara blieb die Spucke weg. Hatte Klausmüller sie noch alle? Er konnte doch nicht einfach fremde Leute anquatschen! Wo blieb da seine Ganz-normales-Stofftier-Tarnung? Klara warf Klausmüller einen strengen Blick zu, doch Klausmüller schaute nicht zu ihr. Er behielt die alte Frau im Blick, die jetzt auf ihn zukam. Klausmüller zog sich zurück – zwei Schritte. Klara wartete auf den Aufschrei der alten Dame – oder würde sie gleich wieder ihren Stock einsetzen, um das sprechende Stofftier aus ihrem Umkreis zu katapultieren?
Die Frau beugte sich mit ihrem eh schon ziemlich runden und schiefen Rücken noch tiefer runter, reckte ihr Kinn weit nach vorne zu Klausmüller und schob mit der stockfreien Hand ihre schief sitzende Brille zurecht. Klausmüller stand still. Nur sein Oberkörper schob sich nach hinten, seine Lippen zogen sich über die Zähne ins Maulinnere. Auweia.
„Es muss Ihr Fell gewesen sein, das mich erschreckt hat.“ Sie richtete sich etappenweise und mit ihren Händen auf den Stock gestützt wieder auf, so weit, wie ihre schiefen Knochen das zuließen. „Sie sind an meinen Beinen herumgestrichen, als ich gerade ein wenig geschlafen habe.“
„Sie schlafen im Stehen?“ Joey zog die Augenbrauen zusammen. „Im Wald?“
Er hatte schon viele Märchen gehört, von seinem Vater zum Beispiel, wenn der mal wieder in die Werkhalle entschwand, in der ihr Kirmeskarussell stand – ein Kinderkarussell mit bunten Autos und vielen Knöpfen zum Hupen, Tuten und Sirenenabspielen. Joeys Vater bastelte dann angeblich an neuen Autos herum, um das Karussell attraktiver zu machen, doch Joey wusste, dass sein Vater das eigentlich schon längst aufgegeben hatte und sich dorthin nur noch zurückzog, um eine Flasche Alkohol aus der Werkzeugkiste zu holen und dann stundenlang dort rumzusitzen und nichts zu tun, außer die Flasche hin und wieder anzuheben. Dabei hatte Joey als kleiner Junge immer darauf gewartet, dass sein Papa eines Tages mit dem Superkarussell auftreten würde. Doch das Karussell blieb immer gleich, sein Vater hingegen stolperte abends durch die Wohnung, roch unangenehm und sprach so undeutlich, dass Joey seine Worte kaum verstand. Eines Tages hatte Joey ihn beobachtet. Stundenlang. Danach wusste er, dass er längst nicht alles glauben sollte, was man ihm so sagte.
Und genauso wenig glaubte er dieser alten Frau die Geschichte vom Mittagsschlaf im Wald.
„Ja“, untermauerte die alte Dame ihre Aussage nun, „für gewöhnlich natürlich nicht. Doch wenn man schon so lange wie ich unterwegs ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass man sich ein wenig ausruhen möchte.“
„Wohin sind Sie denn unterwegs?“, fragte Klara.
„Na, nach Hause, mein Kind.“
Sie beugte abermals ihren Rücken tief hinab. Ihre beiden Hände stützen sich auf ihren Spazierstock, sodass sie aussah wie eine Hängebrücke, nur dass ihr Rücken nicht wirklich durchhing, sondern sich buckelig nach oben wölbte. Dann löste sie die rechte Hand von ihrem Stock und hielt sie Klausmüller entgegen.
„Greismann“, sagte sie, „Elfriede Greismann, sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Leider stinken Sie ein wenig.“
„Klausmüller, einfach Klausmüller“, sagte Klausmüller und legte seinen Huf in die runzelige und etwas starre alte Hand. „Ich stinke kein Stück und Sie sind etwas schief gebaut.“ Er ließ seinen Blick über Frau Greismanns Äußeres gleiten.
„Klausmüller“, sagte Klara. Doch Frau Greismann schien Klausmüllers Äußerung zu ihrer Schieflage nicht zu stören.
„Na, dann ist ja alles klar“, sagte sie und richtete sich wieder auf. Dazu stemmte sie sich mit der linken Hand auf ihren Stock und hielt ihre rechte Hand an ihre Hüfte. Zentimeter für Zentimeter schraubte sie sich in ihre aufrechte Ausgangsposition zurück. „Ihr habt einen stinkenden Esel und ich habe mich verlaufen. Wisst ihr zufällig, wie ich zu meiner Wohnung zurückkomme?“ Sie blickte jetzt Klara fest in die Augen. Ihre Brille hatte wieder eine Schieflage eingenommen, als wolle sie die Schrägstellung des Rückens nachahmen.
„Wo wohnen Sie denn?“, fragte Klara und dachte darüber nach, ob es wohl noch mehr sprechende Stofftiere gibt, da die alte Frau Klausmüller einfach so hinnahm, als wäre er nicht ungewöhnlich.
„In der Birkenallee 72“, sagte Frau Greismann und kratzte sich an der Stirn, „oder 71.“
„Wissen Sie was? Wir begleiten Sie“, sagte Klara, stieg von Domino herunter und nahm Dominos Zügel in die Hand. Schon stapfte sie neben Frau Greismann durch das alte Laub. Joey und Klausmüller schauten sich kurz an und marschierten dann hinterher.
Frau Greismann plauderte davon, dass sie eigentlich nur kurz aus dem Haus gegangen sei, weil ja vorher diese zwei Männer bei ihr gewesen wären. Die hätten bei ihr geklingelt und gefragt, ob sie ihr Badezimmer benutzen dürften. Der eine musste sich die Hände waschen, weil er Diabetes hatte und es Zeit war, sich in den Finger zu piksen, um die Blutwerte zu messen. Und davor mussten die Hände gewaschen werden. Frau Greismann hatte die beiden Männer hereingelassen. Sehr nette Männer übrigens. Und als sie wieder weggingen, hatte der mit dem Diabetes sein Messgerät vergessen. Und da hatte Frau Greismann sich Sorgen gemacht. Das Messgerät, das musste der doch haben, oder? Der arme Mann. Der konnte ja nun nicht mehr sein Blut fragen, ob es noch mit genügend Zucker vorsorgt war. Das ging doch nicht. Sie nahm das schwarze Gerät in ihre Hände und drehte es ein paar Mal unschlüssig hin und her. Und dann ging sie raus, den beiden Männern hinterher. Doch die waren zu schnell, die waren so rasch in eine Nebenstraße gehuscht und dann in einem Auto entschwunden, dass Frau Greismann nur noch mit ihrem Stock hinterherwinken konnte. Und selbst das hatten die Männer wohl nicht bemerkt. Und so stand Frau Greismann schließlich alleine da. Sie drehte sich um und ging nach Hause. Das war zumindest der Plan. Doch mit einem Mal kam ihr alles so unbekannt vor. Da musste sie sich wohl verlaufen haben.
„Und wo ist das Messgerät jetzt?“, fragte Joey.
Frau Greismann packte sich vor die Brust und drehte sich zu Joey um. „Nanu“, sagte sie, „das habe ich mir um den Hals gehängt. Das war in so ’ner Tasche. Komisch. Das muss ich wohl verloren haben.“
Frau Greismann zuckte mit den Schultern und stapfte weiter. Joey warf erst Klara und dann Klausmüller einen vielsagenden Blick zu. Wenigstens Klausmüller schien mit ihm übereinzustimmen. Die Alte hatte doch einen Tick.



„Klausmüller – Ein Esel auf Verbrecherjagd“ ist der zweite Band aus der Klausmüller-Reihe von Pebby Art. Bereits in „Klausmüller – Ein Esel sucht ein Pferd“ hat Pebby Art dem kleinen Stoffesel Leben eingehaucht.
Weitere Bücher von ihr sind „Auf und weg!“ und „Lieber Gott, wo steckst denn du?“.
Pebby Art hat ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder, ein Pferd und eine Katze. 
Und damit das Schreibfieber im Umlauf bleibt und auch der Zeichenstift nicht zu kurz kommt, unterstützt sie als Dozentin Schreib- und Zeichenbegeisterte.
Mehr zur Autorin:
www.plus.google.com/PebbyArt