Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Dienstag, 5. Januar 2016

Leuchtturm der Abenteuer: Kampf um Himmelblau von Karim Pieritz



Klappentext Band 6:
Michael, Tim und Jan landen auf dem "grünen Mond", um die Mutter ihrer Bärenfreundin Sali aus einer Drachenhöhle zu retten. Zudem ist Jans eigene Mutter in einer Pyramide gefangen. Aber wie sollen sie mit dem bösen Drachen fertigwerden oder mit dem unheimlichen "Schatten", dem mächtigen Geist des Mondes?
In diesem Abenteuer müssen unsere Helden gegen fiese Raketenschnecken, Drachen, Zauberer, Mumien, Kampfroboter und Zombie-Ritter antreten. Viele offene Fragen werden beantwortet: Wird die Familie von Jan und Lena wieder vereint? Werden die Opfer des Drachen Blitzeis gerettet? Gelingt es den Hütern des Kristalls, den Planeten vor der Zerstörung zu bewahren? Erlebt zusammen mit Michael und seinen Freunden den entscheidenden Kampf um Himmelblau.

Leseprobe:
Seit vielen Jahrtausenden fürchten die Bären, die Bewohner der dunklen Seite von Himmelblau, den grünen Mond. Dort oben leben finstere Kreaturen, die durch das Weltall fliegen können. Das gefährlichste Wesen auf dem Mond ist der »Schatten«. Er ist in einer Pyramide gefangen, doch seine Gefolgsleute von der »Bruderschaft« wollen ihn befreien. Wenn das geschieht, wird er Himmelblau zerstören.
Vor langer Zeit hat der Schatten schon einmal versucht, einen Planeten zu vernichten. Es war der Nachbarplanet Dunkelblau. Eine Frau namens Luise hat sich ihm damals in den Weg gestellt. Der Schatten entführte daraufhin ihre Kinder, doch Luise konnte ihre Liebsten befreien und ihn einsperren. Die Bären vermuten, dass die Frau sehr mächtige Magie genutzt hat, um ihre Kinder vor dem Schatten zu retten. Solche Magie hat ihren Preis und so ist sie in einen tiefen Schlaf gefallen. Die Bären verehren sie bis heute als ihre Schutzheilige und nennen sie »Frau im Mond«. Ein Gehilfe des Schattens, ein böser Zauberer, sucht schon seit langer Zeit nach den Kindern dieser Frau. Er glaubt, dass er mit ihrer Hilfe seinen Meister aufwecken kann.
Das wollen Michael, Tim und Jan verhindern. Die Jungs sind auf den grünen Mond gekommen, um Jans Mutter Luise und Salis Mutter Gala zu retten. Es ist Nacht und gemeinsam laufen sie durch eine mit Kratern übersäte Landschaft. Der Boden ist hart und mit grünen Mondsteinen bedeckt, in denen sich das Licht der Sterne spiegelt. Die Jungs haben Raumanzüge an, ihre Helme tragen sie unter ihren Armen. Sie folgen dem Robotergeneral Besky. Er reicht den Jungs nur bis zu den Knien.
»Was war nur vorhin mit Sausi los?«, fragt Michael. »Sie sah ganz krank aus.«
»So ein Riesen-Schmetterling ist doch ein magisches Wesen, oder?«, fragt Tim. »Vielleicht konnte Sausi nicht länger an diesem bösen Ort bleiben. Ich kann sie verstehen, ich fühle mich hier auch nicht wohl.«
»Stimmt«, sagt Michael, »aber jetzt hat sie uns hier abgesetzt und ist einfach davongeflogen. Wie sollen wir wieder nachhause kommen?«
»So wie ich«, sagt Besky und sieht die Jungs an. »Wir verschwinden alle zusammen durch das magische Labyrinth der Mondpyramide und gehen nach Himmelblau. Im Vulkanland wecken wir die Roboterarmee auf und gewinnen mit ihr den Krieg gegen die Bruderschaft. Leider hat uns der Schmetterling viel zu weit entfernt von der Pyramide abgesetzt, sodass wir jetzt noch einen langen Weg vor uns haben.«
»Aber was ist mit Salis und meiner Mutter?«, fragt Jan. »Wir können sie nicht zurücklassen!«
»Unser Planet ist wichtiger als das Schicksal Einzelner«, antwortet der General und bleibt stehen. Am Horizont geht der Planet Himmelblau auf und es wird langsam hell. »Oh nein!«, stöhnt er.
»Was ist denn?«, fragt Jan und stellt sich neben ihn. Auch Michael und Tim schauen nach vorne. Michael hält seine Hand vor den Planeten und im Gegenlicht erkennt er etwas. Eine Schleifspur im felsigen Untergrund führt zu einem abgestürzten Raumschiff. Es hat die Form einer Rakete. Zahlreiche Trümmer sind über den Boden verteilt. Das Wrack wirft lange Schatten in ihre Richtung. Für Michael sieht es so aus, als würden schwarze Arme nach ihm greifen. Er macht einen Schritt zurück.
»Ich hatte gehofft, wir würden das hier nicht sehen«, sagt Besky und seine Stimme klingt traurig.
»Was ist das?«, fragt Michael.
»Die geheime Mondmission«, antwortet Besky und dreht sich zu den Jungs. »Vor langer Zeit brachen die Bären ins Weltall auf. Eines Tages startete die erste Mission zum weißen Mond. Allerdings war das eine Lüge. Wir wollten die Bruderschaft austricksen und insgeheim auf dem grünen Mond eine Geheimwaffe zünden. Sie sollte den Mond durch eine gigantische Explosion von Himmelblau wegschleudern.« Besky macht eine Pause und schaut betrübt auf den Boden. »Leider ist die Mission gescheitert.«
»Was ist geschehen?«, fragt Jan.
Besky schaut auf. »Der Start verlief erfolgreich. Das Raumschiff nahm Kurs auf den Mond und alles lief gut. Doch beim Landeanflug auf die Pyramide überquerte das Schiff eine große Ebene. Diese Ebene ist nicht grün wie der restliche Mond, sondern tiefschwarz. Wir nennen sie das Meer des Grauens. Als das Schiff darüber flog, bekam es Probleme. Es wurde regelrecht zerdrückt von Kräften, mit denen niemand gerechnet hatte. Dem Kapitän gelang es mit Mühe, am Rand der Ebene abzustürzen. Wir waren so dumm. Wir hatten tatsächlich geglaubt, dieses Ding«, er zeigt auf den Boden und die Landschaft um sich herum, »wäre ein Mond.«
»Aber was ist es dann?«, fragt Jan. »Vielleicht eine Raumstation?«
»Das ist kein Mond«, sagt Tim und hebt seine Hände, dabei macht er große Augen.
»Alles klar, Obi-Wan«, lacht Michael.
Besky schüttelt den Kopf. »Dieser Mond ist in Wahrheit das, was von einer Sternenexplosion übrig bleibt.«
»Eine Sternenexplosion?«, staunt Michael. »Eine Supernova?«
»Was bleibt denn von einer Sternenexplosion übrig?«, fragt Tim.
»Ein kleiner Stern, der kaum leuchtet und sehr schwer ist«, antwortet Besky.
»Krass«, sagt Jan und schaut sich um. Mittlerweile ist Himmelblau vollständig über dem Horizont aufgegangen und sein Licht taucht die Landschaft in ein helles Blaugrün.
»Manchmal jedoch wird ein Stern so schwer, dass er alles verschlingt, was sich ihm nähert«, erklärt Besky. »Ich fürchte, dieser Mond ist ein Schwarzes Loch.«
»Ach du Schande«, stöhnt Michael.
»Aber wieso können wir hier herumlaufen?«, fragt Jan. »Wir müssten längst tot sein.«
»Vor langer Zeit erreichte das Schwarze Loch den Planeten Dunkelblau. Damals war sein Geist noch nicht mit einem Menschen verbunden«, sagt Besky.
»Du meinst Felix, den Freund von meinem Vater?«, fragt Jan.
»Ja«, antwortet Besky. »Der Vater von Felix war ein sehr mächtiger Zauberer. Nach einer Legende war er es, der mit einem Zauberspruch aus einem Buch das Schwarze Loch in einen Mond verwandelt hat. Das Buch spielt für die Elfen eine wichtige Rolle und man nennt es seitdem das Schwarze Buch.«
»Meinst du das Buch vom Deckengemälde in der Drachenburg?«, fragt Michael.
»Ja«, antwortet Besky. »Der Zauberspruch veränderte das Schwarze Loch so, dass es weniger gefährlich wurde und andere Planeten nicht mehr anzog wie ein Magnet. Leider hat das beim Meer des Grauens nicht funktioniert. Dieses Meer verhält sich immer noch wie ein Schwarzes Loch und ist extrem gefährlich.«
»Dann sollten wir nicht dahin gehen«, sagt Michael.
»Zu spät«, stöhnt Jan. Er steht auf einem Felsblock und schaut in die Ferne. Besky und Michael folgen ihm. Eine tiefschwarze Ebene breitet sich scheinbar endlos nach links und rechts aus. Darüber schwebt eine Pyramide mit einer funkelnden Spitze.
»Was ist das denn?«, fragt Michael. »Fliegt die Pyramide in der Luft?«
»Nein«, antwortet Besky. »Das ist eine Täuschung. Das Licht der Pyramide wird vom Meer des Grauens abgelenkt.«
»Das sieht wie eine Fata Morgana aus«, sagt Jan.
»Wie kommen wir auf die andere Seite?«, fragt Michael.
»Gar nicht«, sagt Besky, »wir haben versagt. In zwei Stunden geht Himmelblau unter und in weiteren zwei Stunden geht Himmelblau wieder auf. Dann wird die Pyramide den Planeten in Stücke reißen.«
»Ohne den Stein der Riesen?«, fragt Michael. »Wie soll das gehen?«
»Glaubt ihr wirklich, dass dieses kleine Bärenmädchen und ihr geflügelter Freund die Bruderschaft aufhalten können?«, fragt Besky. »Wir müssen realistisch sein.«
»Sali wird das schon schaffen«, sagt Jan, »die ist cool.«
»Genau«, sagt Michael, »wie Purzel.«
»Nein«, entgegnet Jan, »Purzel ist nett, Sali ist cool.«
»Quatsch«, schimpft Michael, »Sali ist nett und Purzel cool.«
»Kinder«, sagt Besky, »selbst wenn das Bärenmädchen Erfolg hat ...«
»Das Bärenmädchen und Purzel«, ergänzt Michael.
»Wie auch immer«, stöhnt Besky, »wir haben ein ganz anderes Problem. Ein Lebewesen kann auf dem grünen Mond nicht länger als 3 Stunden sein, ohne sich in einen Zombie zu verwandeln.«
»Woher weißt du das so genau?«, fragt Jan.
»Die Mondmission«, antwortet Besky und schaut zum Boden. Er dreht sich zum abgestürzten Raumschiff. »Die Besatzung hatte den Absturz überlebt. Die drei Bäronauten brachten die Geheimwaffe mit einem Fahrzeug zur Pyramide und wollten sie dort zur Explosion bringen. Sie wollten sich für ihre Heimat opfern. Doch der Weg war zu weit und nach genau drei Stunden brach der Kontakt ab.«
»Was ist ein Mondzombie?«, fragt Jan.
»Mondzombies sind noch unbesiegbarer als normale Zombies und ihre Kräfte übersteigen jede Vorstellung«, antwortet Besky. »Sie kehrten mit einem magischen Schwert durch das Labyrinth nach Himmelblau zurück. Zusammen mit ihrem Anführer Zata herrschten sie als seine Ritter über die Bärenstadt. Die drei Ritter waren grausam und gnadenlos zur Bevölkerung. Es war eine dunkle Zeit. Mit ihrem Schwert konnten sie eine angreifende Roboterarmee in einen Haufen Schrott verwandeln. Nur König Purzel und sein Schild Reflektor waren ihnen gewachsen. In einer letzten Schlacht gelang es ihm, die drei Mondzombies im Vulkanland zu besiegen. Eine Höhle stürzte über ihnen ein und begrub sie für alle Zeiten. Doch es gibt eine Prophezeiung der Bruderschaft. Es heißt, wenn Zata jemals besiegt werden sollte, dann würden sie aus ihren Gräbern steigen und seine Mission beenden.«
Nach einer langen Pause sagt Michael: »Oje.«
»Wir sind verloren«, seufzt Besky, »und verdammt dazu, die Zerstörung Himmelblaus von hier aus mit anzusehen.«


Vita:
Karim Pieritz lebt mit seiner Familie in Berlin. Als sein Sohn in den letzten Jahren immer wieder neue Abenteuergeschichten von ihm hören wollte, weckte das seine Inspiration. Schon beim ersten Buch war ihm klar gewesen, dass er nicht nur eine einzige Geschichte erfunden hatte. Er hatte ein lebendiges Universum voller Magie vor sich, welches sich ständig weiter entwickelte. Das Ergebnis war die Kinderbuch-Reihe „Leuchtturm der Abenteuer“ für Kinder ab 6 Jahren.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Weihnachtsgold und Lichterglanz von Ramona Stolle





Klappentext
Wenn Weihnachtsgold vom Himmel herabrieselt und Lichterglanz die Stuben erhellt, dann ist es wieder Weihnachtszeit.
In diesem Adventskalenderbuch warten Geschichten und Gedichte darauf, die lange Wartezeit bis zum Heiligen Abend zu verkürzen.
Auch wenn sich das Buch in 24 Kapitel aufteilt, kann man jede Geschichte oder jedes Gedicht unabhängig lesen.

Das Buch ist bei CreateSpace erschienen und kann über Amazon erworben werden.


Weihnachtsgold

Endlich war es soweit. Oma zog in das Zimmer neben David ein und genau gegenüber lag Annas Zimmer. Die Geschwister hatten sich lange darauf gefreut, dass Oma nun immer bei ihnen sein konnte. Und jetzt zur allerschönsten Zeit im Jahr, zur Weihnachtszeit, hatte Oma es sich bei Mama und Papa und David und Anna so richtig gemütlich gemacht.

Eines Tages stand Oma im Flur und rief Anna und David zu sich. Sie hielt in jeder Hand eine Tasche.
„Ich war einkaufen Kinder“, schnaufte sie, „bringt doch bitte die Sachen in die Küche.“
David und Anna halfen ihr sofort.
„Du hättest anrufen können“, sagte Anna, „wir wären dir entgegengekommen, dann hättest du nicht so schwer tragen müssen.“
„Ach, Anna“, lächelte Oma, zog ihren Mantel aus und hing ihn an die Garderobe, „ich komme mit den neumodischen Sachen nicht zurecht. Mein Handy liegt irgendwo in meinem Zimmer.“
„Oma“, mischte sich David ein, „ich erklär dir das mit dem Telefonieren nochmal. Es ist doch toll, dass es solche Sachen wie Handys gibt. Nutze es doch!“
„Du hast Recht“, nickte Oma ihm zu, „das machen wir aber später. Nun kommt erstmal mit in mein Zimmer. Ich hab euch etwas mitgebracht.“
Omas Taschen lagen auf dem Küchentisch und sie ließ alles, was sie bis eben ausgepackt hatte, einfach liegen. Sie griff nur nach diesem einen wichtigen Ding, das sie den Kindern zeigen wollte.
„Der ist für euch“, sagte sie ganz ruhig und geheimnisvoll. David und Anna sahen sich fragend an. Ein Adventskalender! Ein Adventskalender? Einer für Zwei?
Oma ging fröhlich mit dem Adventskalender in der Hand aus der Küche. Die Tür zu ihrem Zimmer quietschte leise, als sie sie öffnete. Oma trat ein und die Kinder folgten ihr. Das Zimmer war weihnachtlich geschmückt. Anna hatte goldene Sterne aus Stanniolpapier gebastelt, die jetzt an der Fensterscheibe klebten. David hatte in der Schule Kerzen selbst gegossen. Eine dicke rote Kerze hatte er Mama geschenkt, eine kleine silberne Kerze hatte er auf seinem Nachttisch stehen. Die schönste Kerze aber, die große silberne Kerze mit den goldenen Sternen, die hatte er Oma geschenkt. Sie stand mitten auf dem Tisch und Oma hatte feine Tannenzweige um sie herumgelegt.
„Setzt euch zu mir“, sprach Oma und David und Anna setzten sich auf die kleine gemütliche Couch  mit den vielen Kissen. Oma saß in ihrem Schaukelstuhl und wippte sehr zufrieden vor und zurück. Erwartungsvoll sahen die Kinder sie an.
„Ihr wundert euch, weil es nur ein einziger Adventskalender ist“, hauchte sie sehr leise, aber die Kinder verstanden jedes Wort. „Da ist auch keine Schokolade drin und keine Figuren oder Parfum oder so ein Zeugs.“
„Ich finde ihn schön“, unterbrach Anna sie, „es ist ein Winterwald mit überall Glitzer drauf!“
„Ja, es ist ein sehr hübsches Bild“, kicherte Oma, „aber es ist noch viel, viel mehr. Hier sind Geschichten drin! Geschichten, die euch vom Geist der Weihnacht erzählen.“
„Hinter jeder Tür steht eine Geschichte“, staunte David, „obwohl die Türen so klein sind.“
„Das ist vielleicht mit Zwergenschrift geschrieben“, warf Anna ein.
„Nein“, lachte Oma, „es sind Bilder darin, aber wenn das Weihnachtsgold wie Staub hernieder rieselt, dann werden sie lebendig und erzählen euch Geschichten.“
„Weihnachtsgold?“ Es waren magische Zeiten angebrochen, seit Oma eingezogen war, das spürten Anna und David genau.
„Weihnachtsgold pusten die Weihnachtsengel vom Himmel herab. So hüllen sie die Welt in den Zauber der Weihnacht ein. Die, die fest an den Weihnachtsmann und seine himmlischen Helfer glauben, die werden auch vom Weihnachtsgold umhüllt und können bestimmt ein kleines Wunder erleben.“
„Und du wirst uns die Geschichten erzählen?“, fragte David und klatschte vor Freude in die Hände.
„Ich mag Gedichte!“, rief Anna dazwischen. „Gedichte sind doch auch Geschichten.“
Oma betrachtete liebevoll den Adventskalender, dann sah sie ihre Enkelkinder an. Beide hatten vor lauter Aufregung glasige Augen und rote Wangen bekommen. Ein bisschen unheimlich war ihnen zumute, aber auch ganz herrlich weihnachtlich.
„Ja“, flüsterte Oma, „wenn ihr das wollt, dann erzähle ich euch jeden Tag eine Geschichte oder ein Gedicht bis zum Heiligen Abend.“
Da flimmerte Weihnachtsgold durchs Zimmer und legte sich sanft nieder.
David und Anna waren sehr glücklich. Es war einfach wundervoll, dass Oma bei ihnen war.
„Ja, Oma“, riefen sie, „ wir wollen jeden Tag eine Geschichte oder ein Gedicht hören!“
  
Ramona Stolle schreibt und dichtet für junge und junggebliebene Leserinnen und Leser. Ihre Kindergeschichten sind in mehr als dreißig Anthologien vertreten.
„Weihnachtsgold und Lichterglanz“ ist bereits ihr achtes Buch.
„Die Weihnachtszeit ist die Zeit, die den Glauben an Wunder und Märchen wieder ein bisschen näher bringt. Wir müssen nur die Augen aufmachen und mit dem Herzen sehen.“ Ramona Stolle
Wer mehr über die Autorin und ihre Bücher erfahren möchte, kann das unter www.ramonastolle.de.to

Dienstag, 15. Dezember 2015

Davie und der geheimnisvolle Mister Atnas von Brigitte Endres




Ein Weihnachtsmärchen in New York

Klappentext
Davie ist gar nicht weihnachtlich zumute. Warum war Mum nach der Scheidung auch nach New York gezogen? Er vermisst seinen kleinen Hund, den er in Wisconsin zurücklassen musste. Dad hatte jetzt eine neue Frau und einen neuen kleinen Jungen. Davie denkt nicht daran, Weihnachten mit ihnen zu verbringen. So wie Mum noch nicht den richtigen Partner gefunden hat, hat auch Davie hier noch keine Freunde, seine Klassenkameraden halten ihn für ein Landei. Deshalb vertreibt er sich die Zeit oft damit, durch sein Fernglas aus dem 20sten Stock in die Wohnungen gegenüber zu sehen.
Auch an dem grauen Dezembertag, an dem die Geschichte beginnt, sitzt Davie wieder am Fenster. Als er aus purer Langeweile das Fernglas umdreht – stutzt er. Klar und deutlich erkennt er einen alten bärtigen Mann mit einer Pudelmütze, der ihm von einem Dach in der City aus zuwinkt. Davies Neugier ist geweckt, er macht sich auf die Suche und findet ihn schließlich.
Wie diese Begegnung Davie Trost und Hoffnung schenkt, aber auch die Aussicht auf eine neue Familie, erzählt dieses berührende Weihnachtsmärchen.
Für Kinder ab 8 Jahren.
Erhältlich bei Amazon



Leseprobe

Zweites Kapitel
Doch an diesem Abend kam Davies Mutter, Mrs. Donegal so bedrückt von der Arbeit heim, dass Davie die Sache mit dem magischen Fernrohr völlig vergaß.
„Davie“, sagte sie mit belegter Stimme. „Dein Vater hat bei mir im Büro angerufen. Er möchte, dass du mit ihm und seiner neuen Familie Weihnachten feierst.“
Davie schoss augenblicklich das Blut in den Kopf. „Aber das will ich nicht“, rief er ganz außer sich. „Das kannst du ihm ausrichten! – Und überhaupt … Warum lassen wir Weihnachten dieses Jahr nicht einfach ausfallen?“
„Aber Davie“, entgegnete seine Mutter erschrocken. „Weihnachten kann man doch nicht einfach ausfallen lassen.“ Sie nahm ihn in den Arm. „Wir machen es uns auch zu zweit gemütlich.“ Sie fuhr ihm übers Haar. „Alles wie immer. Okay? Baum, Geschenke, Truthahn …“
Davie versteifte sich. „Nichts ist wie immer.“
Mrs. Donegal sah ihren Sohn betroffen an. Wo war ihr fröhlicher, unbeschwerter Davie geblieben? War er wirklich dieser Junge mit dem mürrischen Gesicht? Sie ließ das Thema ‚Weihnachten‘ erst einmal auf sich beruhen.
Trotzdem war an diesem Abend der Wurm drin.
Nach dem Essen legte Davies Mutter das Besteck beiseite. Davie sah ihr an, dass sie etwas loswerden wollte, etwas das ihr anscheinend ziemlich auf der Seele lag.
„Davie, ich möchte dir was sagen … Ich hab da jemanden kennengelernt …“
Davie starrte sie an. „Schon wieder?“
Seine Mutter fuhr zurück. „Sei nicht gemein, Davie! Es ist eben nicht jeder Erstbeste Mister Richtig.“
„Ist es jeder Viertbeste?“, schoss Davie patzig zurück und sprang auf. „Willst du mich deshalb an Weihnachten zu Dad verfrachten?“
„Davie!“, die Stimme seiner Mutter überschlug sich vor Schmerz und Enttäuschung. „Denkst du das wirklich?“
Aber da war Davie schon in sein Zimmer gerannt.
Er warf sich aufs Bett. Dad hatte sie verlassen und danach hatte Davie Dad verlassen. Er wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sollte er glücklich werden mit der Neuen und dem neuen Kind. Mum und er brauchten ihn nicht. Normalerweise sprachen sie nicht mal über ihn.
Das Jahr vor der Trennung war ein schlimmes Jahr gewesen. Mum hatte später gesagt, sie hätte Dad nie heiraten dürfen. Aber sie hatte es eben doch getan. Seinetwegen, Davies wegen. Mum war mit achtzehn schwanger geworden. Dad und sie kannten sich damals noch nicht sehr lang. Davie wusste nur, dass Mum das Baby, also ihn, unbedingt haben wollte. In New York wäre das kein Problem gewesen. In einem kleinen Städtchen in Wisconsin aber war es ein Problem. Oma und Opa mussten ziemlich Ärger gemacht haben, und dann hatte sich auch noch der Pastor eingemischt. Heiraten sollten die jungen Eltern, damit alles seine Ordnung hatte. Und schließlich heirateten sie tatsächlich. Mum sagte mal, sie habe Dad zwar gemocht, aber Liebe sei es nicht gewesen. Doch sie habe gehofft, dass die Liebe mit der Zeit käme.
Davie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fixierte die Schatten an der Zimmerdecke.
Liebe. Die beiden passten einfach nicht zusammen. Ihm war das lang gar nicht aufgefallen. Für ihn war ja auch alles in Ordnung. Er stromerte draußen herum, spielte mit Groovy und Steve und besaß ein schönes großes Zimmer mit allem, was ein Junge so brauchte. Auch als Mum ins Gästeschlafzimmer zog, hatte er sich noch keine Sorgen gemacht. Dad ging an den Wochenenden oft mit ihm zum Fischen oder ins Stadion, wenn die Brewers spielten. Aber ganz allmählich wurde das immer seltener. Und dann waren Mum und er oft allein an den Abenden und an den Wochenenden. Wenn Dad jedoch mal da war, gab es nichts als Streitereien. Eines Tages zog Dad schließlich aus. Davie hatte am Fenster gestanden und zugesehen, wie er zwei große Koffer in den Jeep warf. Erst dachte Davie, dass er bald wieder heimkommen würde. Aber da hatte er sich getäuscht. Als Mum nämlich erfuhr, dass Dad mit einer anderen Frau ein Kind erwartete, reichte sich die Scheidung ein.
Davie krampfte es heute noch den Magen zusammen. So leicht war das also. Man besorgte sich einfach eine neue Familie, wenn es mit der alten nicht klappte. Aber das Schlimmste war, dass Davie oft dachte, dass er an allem schuld war. Ohne ihn hätten die beiden nie geheiratet. Ohne ihn wäre Mum sicher viel glücklicher geworden. Dad konnte ihm gestohlen bleiben. Davie ging nie ans Telefon, wenn sein Vater ihn sprechen wollte und er weigerte sich bis heute standhaft, ihn zu besuchen.
Fast ein Jahr lebten Mum und er noch in dem weißen Häuschen mit der Veranda. Dann zog Mum den Schlussstrich. So hatte sie das damals genannt. Sie verkaufte das Häuschen und bewarb sich um die Stelle in New York. Davie verstand ja, dass sie neu anfangen wollte. Aber für ihn war es einfach schrecklich gewesen. Er fühlte wieder diese dunkle, trostlose Traurigkeit hochsteigen, die seither immer in ihm lauerte.
Noch beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte dicke Luft. Es kam selten vor, dass Davie und seine Mutter sich nicht vertrugen. Aber jeder von ihnen knabberte noch an dem Streit von gestern.
Nach der Schule machte sich Davie nicht sofort auf den Heimweg. Es wartete ja niemand auf ihn. Die seltsame Fernglaserscheinung von gestern zog ihn in die Innenstadt. Er wollte wissen, ob das gestern eine Fata Morgana gewesen war. Und wenn nicht – was es dann gewesen war.
Ein Gutes hatte New York, wenn man die Hauptrichtungen kannte, konnte man sich kaum verlaufen. Fast alle Straßen waren wie auf einem Schachbrett angeordnet. Entschlossen bog er in die 40ste Straße West ein.
Es war ein grauer Tag, nasskalt und ebenso trüb wie seine Stimmung. Eisiger Wind zog durch die Häuserschluchten. Davie rieb sich die Hände. Verdammt, warum hatte er seine Handschuhe daheim liegen lassen? Gut, dass er wenigstens eine Mütze mithatte. Seine Nase tropfte.
Die Leute hetzten an ihm vorüber. Hier in New York hatten es immer alle eilig. Daran hatte er sich auch erst gewöhnen müssen. Alles hier war schneller, lauter, größer, greller. Alles war irgendwie übertrieben.
In den Schaufenstern glitzerte und blinkte es. Gold und Silber, Grün und Rot. Sterne, Engel, Zwerge – und natürlich Weihnachtsmänner. Schnarchende, singende, beleuchtete, welche mit und ohne Rentier.
Und dann, vor dem Eingang von Macys: ein Weihnachtsmann aus Fleisch und Blut. Er bimmelte in einem knallroten, weiß abgesetzten Samtkostüm mit einer Glocke.
Peinlich, dachte Davie. Sein Bart sieht so billig aus! Nicht mal ein Blinder würde darauf reinfallen.
„Hoho!“, grölte der Mann im Kostüm, als Davie an ihm vorbeikam. „Fröhliche Weihnachten.“ Mit aufgesetztem Grinsen hielt er ihm einen Korb mit Werbegutscheinen unter die Nase.
Davie schüttelte den Kopf und ging weiter. Der falsche Weihnachtsmann zog eine beleidigte Grimasse, aber das bekam Davie nicht mehr mit.
Als die 40ste auf die Park Ave stieß, schwenkte Davie nach rechts. Er war sich fast sicher: Das Hochhaus mit dem grünen Türmchen musste irgendwo in der Nähe des Hauptbahnhofs stehen. Inzwischen durchbohrte in die Kälte wie Nadelstiche, sein Ärmel war vom vielen Nasewischen widerlich feucht. Aber bis zum Bahnhof war es jetzt nicht mehr weit. Schon von Weitem sah er den Bahnhofseingang mit den griechischen Säulen. Allerdings musste er auf die andere Seite, zu dem hohen Teil des Gebäudes, in dem früher einmal die Verwaltung untergebracht war.
Der Wind pfiff hier noch ärger. Davie zog die Mütze tief in die Stirn und begann zu rennen. Tatsächlich wurde ihm dabei wärmer. Nach einem ordentlichen Dauerlauf war er endlich am Ziel. Einem schnaubenden Drachen gleich, quoll ihm weißer Dampf aus Mund und Nase. Puh, jetzt hatte er auch noch Seitenstechen! Er war ja völlig aus dem Training! Steve hätte ihn wahrscheinlich um Längen abgehängt und dabei kein bisschen Seitenstechen gehabt. Davie atmete ein paarmal tief durch. Dann reckte er den Kopf.
Das Gebäude, das er suchte, musste eines von den höheren sein. Aufmerksam ging er die Park Ave hinauf. Hier stand ein Hochhaus am anderen. Eine Backsteinkirche mit verschnörkelten Verzierungen an den Fenstern kauerte wie ein verschüchtertes Kaninchen inmitten der hochragenden Konkurrenz.
Und dann blitzte in Davies Kopf plötzlich der Funke des Erkennens auf.
Das da vorn konnte es sein! – Das da vorn war es!
Er wechselte auf die andere Straßenseite, um das Gebäude besser betrachten zu können. Der imposante Bau ragte weit nach oben und besaß nicht ein, sondern zwei Türmchen, die den Abschluss einer größeren Plattform bildeten. Von dieser Plattform aus musste der Mann ihm zugewinkt haben.


Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt.  www.brigitte-endres.de