Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren
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Dienstag, 22. Januar 2013

Veanis - Das Reich der Bücherverschlinger von Ingrid Mayer

Klappentext:
Dem Mädchen Lina wird der Zugang in das geheime Reich Veanis gewährt, in dem faszinierende Wesen leben. Doch einige Wochen später erreicht Lina ein Hilferuf aus Veanis. Hat Lina ungewollt jemandem Zutritt in diese Welt verschafft? Sie fühlt sich verantwortlich und reist zusammen mit ihrem Bruder erneut in das sonderbare Land.
Die Kinder sind entsetzt über die Zustände, die sie dort vorfinden. Um ihre
Freunde zu retten, lassen sie sich auf ein wildes Abenteuer ein...
Erhältlich bei Amazon, Smashwords und Itunes.   




Leseprobe

„Über dem verwunschenen Reich liegt ein Dunst aus feinsten Tröpfchen und überall, sogar in den Städten, hört man das Rauschen des Wassers. Es stammt von hunderten Wasserfällen, die sich über die Felsen hinabstürzen und das Land mit einem stetigen Brausen erfüllen. Keiner davon gleicht dem anderen. Jeder verfügt über eine einzigartige Schönheit. Doch nur einer von ihnen birgt ein Geheimnis …“


„He, was soll das?“ Wassertropfen sprenkelten das Papier, das auf Linas Knien lag. Sie blickte verärgert auf. Fabian stand vor ihr, bekleidet mit einer Badehose und schüttelte seine nassen Haare, die ihm nun wie dicke Stacheln vom Kopf abstanden.
„Was schreibst du denn schon wieder?“, wollte er wissen.
Lina legte den Stift weg und atmete tief durch. Dass ihr jüngerer Bruder sich nicht für ihr Hobby begeisterte, wusste sie schon lange. Aber musste Fabian immer stören, wenn ihr gerade die tollsten Ideen durch den Kopf schossen? Sie beschloss, geduldig mit ihm zu sein und erklärte: „Ich schreibe eine Geschichte über ein Land, in dem es viele Wasserfälle gibt. Hinter einem von ihnen ist ein Schatz versteckt, der...“
„Wasserfälle?“, unterbrach Fabian sie und deutete hinter sich. „So wie dieser hier? Und du glaubst, jemand käme auf die Idee, dahinter einen Schatz zu vergraben?“
Lina seufzte. Es war hoffnungslos. Niemals würde er ihre Leidenschaft für fantastische Welten verstehen. Sie beschloss, ihren Bruder zu ignorieren und starrte stur auf ihren Schreibblock, bis sich Fabian beleidigt trollte. Erst als sie ein Platschen hörte, sah Lina wieder auf. Fabian hatte sich ins Wasser gestürzt und trieb nun wie eine lebende Luftmatratze auf der Oberfläche des kleinen Bergsees. Hinter ihm rauschte ein Wasserfall über die Felsen hinab und ergoss sich in das flache Becken. Lina schloss die Augen und konzentrierte sich auf das stetige Rauschen.
Dass der Sonntagsausflug mit der Familie an diesen Ort geführt hatte, freute Lina sehr, denn nun hatte sie Gelegenheit, einen echten Wasserfall zu erleben. Die neuen Eindrücke wollte sie gleich in ihre Geschichte einfließen lassen.

Als Lina ihre Augen wieder öffnete, sah sie oben, auf dem höchsten Punkt des Berges, zwei Gestalten stehen, die zu ihr hinabwinkten. Lina winkte zurück. Ihre Eltern hatten den großen Felsen über dessen Rückwand bestiegen. Nun befanden sie sich dort, von wo aus sich das Wasser in die Tiefe stürzte. Linas Blick wanderte wieder nach unten, denn da winkte ihr ebenfalls jemand zu. Direkt vor dem Wasserfall stand Fabian und gab ihr mit einem Zeichen zu verstehen, dass er vorhatte, durch die Wasserwand zu gehen. Anscheinend wollte er tatsächlich nachsehen, ob dahinter ein Schatz versteckt war.
‚Dieser Idiot’, dachte Lina. Zum Glück sahen die Eltern nicht, wie Fabian kurz darauf hinter den Wassermassen verschwand.

* * *

Das Wasser umfing Fabian mit einer Wucht, mit der er nicht gerechnet hatte. Ein breiter, gleichmäßiger Schwall ergoss sich über ihn und presste ihn mit seiner überraschenden Schwere beinahe zu Boden. Er bekam keine Luft mehr und torkelte zurück. Doch das Wasser war überall, drückte ihm in Nase, Mund und Ohren. Es fühlte sich an, als sei er von flüssigen Mauern umschlossen. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen. Noch ein Schritt, weit konnte es nicht mehr sein! Mühsam kämpfte sich Fabian vorwärts.
Das Prasseln auf seinem Rücken hörte unvermittelt auf. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert, bis Fabian wieder ins Trockene trat, doch ihm war es wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Er wischte das Wasser aus seinen Augen und sah sich um. Vor ihm ragte ein Felsblock auf. Der Stein ähnelte einer in den Fels gehauenen Treppe, die etwa zwei Meter nach oben führte und mit Moos bewachsen war.
„Lina, hier kann man hinaufklettern!“, brüllte Fabian gegen das Tosen des Wasserfalls an, obwohl er nicht glaubte, dass sie ihn hören konnte. Prüfend betrachtete er das nasse Gestein. Ziemlich glitschig, fand er, doch die Neugier war stärker als seine Angst auszurutschen. Seine Hände griffen nach kleinen Einkerbungen, sein Fuß suchte sich einen festen Stand auf dem ersten Absatz. Als er das andere Bein nachziehen wollte, rutschte er ab. Fabian versuchte es erneut, und nun gelang es ihm, Halt zu finden. Fest krallte er seine Zehen ins Moos und hangelte sich Stück für Stück höher.
Als Fabian über die letzte Stufe stieg, erfüllte ihn das mit Stolz. Er wünschte, Lina hätte ihm dabei zugesehen, wie zügig er den Aufstieg bewältigt hatte.

Der blanke Fels unter seinen Füßen fühlte sich ungemütlich kalt an, so dass Fabian beschloss, sich nur kurz umzusehen und diesen Ort möglichst bald wieder zu verlassen. Vor ihm lag ein Hohlraum, der gerade so hoch war, dass ein Viertklässler aufrecht darin stehen konnte. Wie weit er ins Innere reichte, konnte Fabian nicht genau erkennen, doch er vermutete, dass es sich nur um eine kleine Einbuchtung im Fels handelte. Als er die Höhle betrat, begann sein Herz lauter zu klopfen. Das ärgerte ihn ein wenig, denn es gab eigentlich überhaupt keinen Grund, sich zu fürchten. Was sollte hier schon sein? Vielleicht ein paar Fledermäuse, doch vor denen hatte er keine Angst. Langsam tastete sich Fabian voran. Mit jedem seiner Schritte schien es um ihn herum finsterer zu werden. Nur ein paar einzelne Sonnenstrahlen drangen gelegentlich durch das herabströmende Wasser und ließen helle Flecken auf dem Gestein tanzen.

Es konnten keine zehn Meter gewesen sein, die Fabian zurückgelegt hatte, als er plötzlich vor einer Felswand stand. Das war es also. Eine Sackgasse. Kein finsteres Geheimnis, das sich in dem Gang verbarg, keine sensationelle Entdeckung. Nicht, dass er damit gerechnet hätte. Aber insgeheim war Fabian schon etwas enttäuscht.
Als er gerade umkehren und sich auf den Rückweg begeben wollte, fiel erneut ein wenig Sonnenlicht in die Höhle herein. Etwas blitzte kurz auf und warf das einfallende Licht zurück, so dass Fabian geblendet wurde. Er blinzelte und sah verdutzt zu der Stelle auf der Wand. Etwa in der Höhe seiner Brust glitzerte ein silberner Gegenstand. Er streckte die Hand aus, um das merkwürdige Ding zu berühren. Irgendwie kam es ihm bekannt vor. Es dauerte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, was seine Finger hier umschlossen hielten. Hastig zuckte Fabian zurück und starrte auf das Gebilde im Fels.
Das war kein Schatz, sondern etwas ganz anderes – etwas, das eigentlich nicht hierher gehörte.

Leserstimmen: 
"(...) Mir als Erwachsene hat diese Fantasy Geschichte gefallen.Obwohl das Buch auch für Kinder geeignet ist.In jedem Erwachsenen steckt immer mal wieder noch ein Kind ;-) ."

Dienstag, 2. Oktober 2012

Der Zauberhund von Ingrid Mayer


Magische Kindergeschichten
zum Lesen und Vorlesen
für Kinder im Alter von ca. 8 bis 11 Jahren, erhältlich bei Amazon.

Inhalt:
Rettet die Zauberschule!
Auch unbegabte Zauberschüler verdienen eine Chance. Können sie verhindern, dass ihre Schule abgerissen wird?

Der listige Zauberstab
Ein Zauberstab, dessen Meister ihn kaum mehr benutzt, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise...

Herr Liebstock und der Zauberhund
Der Rentner Herr Liebstock kauft ein Haus auf dem Land, denn er möchte
möglichst ruhig leben. Doch schon nach kurzer Zeit zieht Merlin bei ihm ein
und bringt einiges durcheinander...

Der Zauberweiher
In einer rauen Winternacht spazieren die jungen Rehe Ricka und Erik durch
den nächtlichen Wald. Doch plötzlich nehmen sie eine seltsame Witterung
auf...


Leseprobe:

Im einem fernen Land namens Simsalandor pflegte man seit vielen hundert
Jahren Zauberer auszubilden. Viele begabte Kinder durften eine der berühmten
Zauberakademien besuchen. Doch leider fehlte manchen dafür das ausreichende
Können, und so mussten sie sich damit begnügen, ihre magischen Kenntnisse in
einer kleineren Schule zu erwerben.
In einer solchen Schule unterrichtete auch Herr Koriander. Als der
Unterricht begann, seufzte der Lehrer erst einmal abgrundtief. Was sollte
nur aus seinen Schülern werden? Ihnen Zaubern beizubringen, gestaltete sich
als äußerst schwierig. Denn vor ihm saßen nicht gerade begnadete Talente.
Allesamt waren sie durch die Aufnahmeprüfung der großen Akademien gerasselt.
Der schon stark ergraute Herr Koriander musste sich nun bemühen, den
unbegabten Magiern doch noch einen Funken Talent zu entlocken. Eine
schwierige Aufgabe. Beinahe jeder verließ diese Schule vorzeitig, ohne
wenigstens das einfache Zauberdiplom zu erhalten. Die Abgänger arbeiteten
später als Bäcker, Kaufmann und einer war sogar Theaterspieler geworden. Ein
richtiger Zauberer war jedoch noch nie aus dieser Schule hervorgegangen.

Kopfschüttelnd sah sich Herr Koriander im halb leeren Klassenzimmer um. Fast
die ganze Abschlussklasse war anwesend, obwohl nur in der letzten Reihe zwei
Jungen saßen. Der Unterricht begann. Mühselig versuchte er, den dicken
Tassilo dazu zu bewegen, einen Blumenstrauß herbeizuzaubern.
Ein Akademieschüler hätte ohne Probleme nicht nur einen einfachen Strauß
erscheinen lassen können, sondern auch genau einhundertundvier blaue
Narzissen mit roten Tupfen. Nicht so Tassilo. Der Junge bemühte sich
redlich. Er verfügte durchaus über magische Fähigkeiten. Doch was er auch
zauberte, es hatte jedes Mal die Gestalt von etwas Essbarem. Mal zauberte er
einen Braten, eine Tafel Schokolade und schließlich einen Blumenkohl –
immerhin etwas, in dessen Namen Blumen vorkamen. Tassilo konnte sich einfach
nicht richtig konzentrieren, denn er dachte immer nur ans Essen.

Bei seinem schüchternen Banknachbarn Bodo war es noch schlimmer. Mit seinen
ersten Zauberversuchen hatte er zwar Erfolg, aber bald fürchtete er sich zu
sehr vor den Gestalten, die dabei entstanden. Schreckliche Monster mit
gebogenen Hörnern auf dem Kopf, die furchtbar stanken und grässliche Laute
von sich gaben. Etwas anderes gelang ihm nicht. Meistens lief Bodo dann
wimmernd davon oder wurde vor lauter Angst ohnmächtig, und sein Lehrmeister
durfte zusehen, wie er dem Ungetüm Herr wurde. Schließlich weigerte er sich
völlig, noch irgendwelche magischen Handlungen durchzuführen, weil ihn die
Ergebnisse, die daraus entstanden, zu sehr ängstigten.

Dienstag, 26. Juni 2012

Gespenst zugelaufen von Ingrid Mayer



Vier Geschichten für Kinder im Alter von 6-10 Jahren zum Lesen und Vorlesen
Mit Illustrationen von Hans Sölch und Ingrid Mayer
Textumfang ca. 51.500 Zeichen

Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage.

Das Buch ist bei Amazon erhältlich.



Inhalt:

Gespenst zugelaufen
Oliver und Tim melden sich auf eine rätselhafte Anzeige. Hat da tatsächlich jemand ein heimatloses Gespenst abzugeben?

Das Wunder
Nur noch ein Wunder kann scheinbar Otmars Probleme in der Schule lösen. Doch als tatsächlich ein solches auftaucht, sorgt dies für einige Aufregung.

Die blaue Tante
Die Erwachsenen rümpfen über Irmgards Gewohnheiten die Nase. Die schrullige Tante ist jedoch bei ihrer Nichte sehr beliebt. Mit ihr wird es nie langweilig...

Gierschlund
Als der Forscher Herr Professor Faselklug eines Tages eine unerforschte Höhle findet, macht er dort eine ungewöhnliche Entdeckung.



Leseprobe aus  „Gespenst zugelaufen“:

“Da hat sich aber jemand einen Scherz erlaubt!”, rief Olivers Vater und lachte lauthals auf. Er saß auf der Couch und las in der Tageszeitung. Vor sich hatte er die Seite mit den Anzeigen aufgeschlagen.
„Stell’ dir vor, da hat jemand geschrieben:


Gespenst zugelaufen.
Der Besitzer oder jemand,
der es haben möchte,
kann es bei mir abholen.


Ob da jemand anruft? Das kann doch nur ein April-Scherz sein. Aber wir haben ja gar nicht April, sondern schon Juli, haha.“

Oliver beobachtete seinen Vater. Warum musste er sich immer über alles lustig machen? Er malte sich aus, wie es wäre, wenn bei ihm ein heimatloses Gespenst vor der Tür stehen würde. Ob es ihm Angst eingejagt hätte? Er wusste es nicht, aber Oliver glaubte, dass er es hereingelassen hätte.
Dem Nachbarn war einmal eine Katze zugelaufen. Oliver erinnerte sich, wie Leid sie ihm getan hatte. Sie war völlig verwahrlost und hungrig gewesen. Zum Glück hatten sich die Besitzer schnell gefunden.

Den ganzen Tag über ging Oliver das Gespenst nicht mehr aus dem Kopf. Schließlich erzählte er seinem besten Freund Tim davon. Der war sofort begeistert:
„Ich wollte schon immer ein besonderes Haustier haben! Einen Hund oder eine Katze hat doch jeder. Komm’ lass uns dort anrufen! Wir sagen einfach, es gehört uns.“
Oliver wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Sie wussten eigentlich gar nichts über so ein Gespenst, nicht mal, wie es aussah. Er wollte seine Bedenken eben Tim mitteilen, doch da hatte sein Freund schon den Telefonhörer in der Hand.
„Ich rufe an wegen dem Gespenst. Es ist wahrscheinlich unseres. Wo können wir es abholen?“
Tim versuchte, seine Stimme möglichst tief und ernst klingen zu lassen. Oliver musste erst grinsen, doch als Tim auflegte und die Adresse nannte, wo sie das Gespenst abholen konnten, war er vom Mut seines Freundes recht beeindruckt.
„Rosengasse 7“, erklärte Tim. „Das ist nicht weit von hier. Wir fahren mit dem Fahrrad. Warte einen Moment.“
Tim rannte in den Keller. Was heckte er nun schon wieder aus? Er kam zurück mit einer Kiste in der Hand.
„Irgendwie müssen wir es schließlich befördern.“
 Natürlich! Oliver staunte, wie genau Tim alles plante.
Sie schnappten sich ihre Fahrräder, und wenige Minuten später standen sie vor einem kleinen Häuschen, das von einem wild wuchernden Garten umgeben war.


Leserstimmen:

„Vier liebenswerte Kurzgeschichten mit niedlichen Details für kleine Zuhörer.(...)“

„Ich habe dieses Buch ... meinen Kindern vorgelesen (10/11 Jahre). Die fanden sie witzig und ich würde von dieser Autorin durchaus auch andere Bücher kaufen.“


Dienstag, 8. Mai 2012

Von Feen, Zauberern und Zwergen von Ingrid Mayer


Klappentext: 

Vier Geschichten rund um zauberhafte Wesen
Mit Illustrationen von Hans Sölch
Zwistien und Zankistan - Seit langer Zeit herrscht Streit zwischen den Königreichen Zwistien und Zankistan. Der geheimnisvolle neue Hofzauberer in Zankistan bringt die Königstocher Gerlind schließlich auf eine Idee.
Der erste Tag
- Annabel hat die Prüfung bestanden – nach langer Ausbildung darf sie nun endlich als Fee arbeiten. Doch gleich ihr erster Arbeitstag bringt ungeahnte Aufregung.
Die Blumenwichtel
- Es ist schon recht merkwürdig – dort, wo gestern noch eine Pflanze an Teresas Zimmerfenster stand, ist nun das Fensterbrett leer. Ob Teresas seltsamer Traum daran schuld ist?
Zirkus Pimpinelli
- Zirkusdirektor Pimpinelli macht einen seltsamen Fund im Wald, der reichlich Aufruhr in seinen Zwergenzirkus bringt.

Das Buch ist bei Amazon erhältlich. Altersempfehlung: ca. 7 bis 10 Jahre. Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage.


Leseprobe aus „Der erste Tag“

Annabel wollte schon immer eine gute Fee werden, ganz so wie ihre Mutter. Und auch ihre Großmutter war eine gute Fee. So kam Annabels Berufswunsch gar nicht so überraschend. Ihre Mutter hatte schon gehofft, dass Annabel in ihre Fußstapfen treten würde, aber sie wollte ihre Tochter nicht drängen. Umso mehr freute sie sich, als Annabel ihr ihren Entschluss verkündete.
„Wie schön!“, rief sie aus. „Ich melde dich gleich morgen zur Ausbildung bei Harriet an.“

Annabel wurde es ein bisschen mulmig zumute. Die alte Harriet war bestimmt eine der besten Feen im ganzen Land, aber sie galt als sehr streng. Die Zweifel schienen ihr ins Gesicht geschrieben, doch ihre Mutter sprach ihr Mut zu: „Du wirst es schon schaffen. Harriet ist nicht so schlimm, wie alle sagen. Sie ist eine gute und gerechte Lehrerin.“
„Du hast ja Recht“, entgegnete Annabel.
Es gab so viele Geschichten über Harriet, dass nicht alle davon wahr sein konnten. Annabel schob ihre Angst beiseite und besann sich lieber wieder auf ihren Wunsch, Fee zu werden. Schon sah sie die Augen glücklicher Menschen vor sich, denen sie alle drei Wünsche erfüllen hatte können. Denn jeder Mensch, der einer guten Fee begegnete, hatte drei Wünsche frei.

Bis Annabel selbst in der Lage war, Wünsche zu erfüllen, verging jedoch noch eine lange Zeit. Zunächst musste sie eine Prüfung über sich ergehen lassen, damit Harriet bestimmen konnte, ob sich Annabel überhaupt zur Fee eignete. Da sie aber schon von klein auf harmlose Zaubereien ausführte, die sie ihrer Mutter oder Großmutter abgeschaut hatte, gelang es Annabel mühelos, alle Aufgaben zu bewältigen: Nacheinander ließ sie Regentropfen verschwinden, machte aus einem Stück Kuchen zwei und zauberte schließlich noch einem dreiblättrigen Kleeblatt ein viertes Blatt dazu. Harriet war zufrieden und erklärte sich bereit, Annabel bei sich zur Ausbildung aufzunehmen.

So sehr sich Annabel auch auf die Ausbildung freute, so groß war ihre Furcht. Denn sie sorgte sich darüber, ob sie es überhaupt schaffen würde, die vielen Fähigkeiten zu erlernen, die sie als richtige gute Fee brauchte. Einen Liebeszauber zu bewirken, Goldregen herbeizurufen oder ausgefallene Haare wieder wachsen zu lassen – das waren nur einige der Dinge, die sie in ein paar Jahren beherrschen musste.
Aber Annabel war eine fleißige und gelehrsame Schülerin. Vor Harriet fürchtete sie sich anfangs ein wenig, doch bald stellte sich heraus, dass die strengen Worte ihrer Lehrerin meist anderen Schülerinnen galten, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten oder zu spät zum Unterricht kamen. Annabel erschien stets pünktlich zum Unterricht und hatte auch immer ihre Hausaufgaben gemacht, deshalb schimpfte Harriet nie mit ihr und brummte ihr auch keine Strafen auf.

Die Schulzeit verging Annabel viel zu rasch. Nach und nach lernte sie, alle möglichen Wünsch zu erfüllen. Nach sieben Jahren war es dann schließlich soweit: Annabel hatte ihre Abschlussprüfung zur guten Fee bestanden! Wie sehr sie sich freute! Ihre Mutter und Großmutter strahlten vor Stolz und erinnerten sich an den Tag, an dem sie selbst die Feenschule erfolgreich abgeschlossen hatten.

Doch nun begann eine ganz neue Zeit in Annabels Leben. Sie musste hinaus in die Welt ziehen und durfte ihren Beruf endlich ausüben. Ihre Mutter gab ihr so viele Ratschläge mit auf den Weg, dass sie sich gar nicht alle merken konnte. Und Großmutter weinte sogar ein bisschen, als sie ihre Heimat verließ, obwohl Annabel oft heimkehren würde, denn auch gute Feen brauchen gelegentlich Urlaub.

Annabel zog also los, ein kleines Bündel mit Reiseproviant auf dem Rücken, und war auf einmal schrecklich aufgeregt. Tausend Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Wohin sollte sie überhaupt gehen? Und wie sollte sie einen Menschen finden, dessen Wünsche sie erfüllen konnte? Oder verhielt es sich so, dass nicht sie die Menschen finden musste, sondern dass sie sich finden lassen musste? Sie hatte zwar während ihrer Ausbildung gelernt, alles Mögliche herbeizuzaubern, verschwinden zu lassen oder zu verändern, doch auf solcherlei Fragen hatte sie weder von Harriet noch von ihrer Mutter jemals vernünftige Antworten erhalten.
„Das wird sich alles fügen“, hatte es geheißen, oder „Lass’ dich nie von deinem Weg abbringen“.
Annabel ärgerte sich nun darüber, dass ihr niemand genau erklärt hatte, wie sie nun vorgehen sollte. Sie flog den ganzen Tag über durch den Wald, bis sie gegen Abend an eine Blumenwiese gelangte. Dort suchte sie sich eine große Margaritenblüte als Nachtlager aus.
Als es dunkel wurde und die Blüte sich über Annabels Kopf zu einer Knospe schloss, schoss ihr plötzlich ein beunruhigender Gedanke durch den Kopf: Wie sahen Menschen eigentlich aus? Sie wusste es nicht einmal genau. Zwar mussten sie wie sie selbst auch Arme, Beine und einen Kopf besitzen, aber mehr war ihr vom Aussehen der Menschen nicht bekannt. Wenn sie nun keinen davon erkannte, wie sollte sie dann seine Wünsche erfüllen? Eine Weile dachte sie darüber nach, bevor sie, erschöpft von der anstrengenden Reise, endlich einschlief.

Als am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen Annabel wach kitzelten, schlug sie die Augen auf und blickte erstaunt um sich, bis ihr einfiel, dass sie ja nicht mehr zuhause war. Sie stand auf und reckte und streckte sich gähnend. Dann zuckte sie auf einmal erschrocken zusammen, denn sie hatte etwas Unglaubliches am Ende der Wiese entdeckt.


Leserstimmen:
„Sehr schöne kindgerechte Geschichten mit wunderbaren Zeichnungen. (...)“
„(...) Die Autorin hat Phantasie, kann bildhaft erzählen und findet den für Kinder geeigneten Ton.
Zauberhafte Geschichten, den den Namen auch verdienen. (...)“