Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren
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Dienstag, 31. Januar 2017

DER ROTE HAHN von Klaus Kurt Löffler


Klappentext 
Michas Tante, die in St. Wolfgang einen kleinen Laden betreibt, erhält einen Erpresserbrief, der mit ›Der Rote Hahn‹ unterschrieben ist. Die Jungen übernehmen den Fall. Während Micha mit der Polizei Kontakt aufnimmt, stößt Max auf eine Gruppe von Tierschützern, deren Anführer ein großer Bursche in einem Hahnenkostüm ist. Max vermutet einen Zusammenhang mit der Erpressung und lässt sich anwerben. Gemeinsam treiben sie mit den Passanten grobe Späße, mit denen sie zeigen wollen, wie sich die geschundenen Tiere fühlen. Gelingt es Max, den Fall auf eigene Faust zu lösen oder hat Micha am Ende die Nase wieder vorn? 
Erhältlich als E-Book und Taschenbuch bei Amazon.


Leseprobe: DER ROTE HAHN

AUSZUG AUS DEM ZWEITEN KAPITEL

 Max begleitete seinen Freund noch bis zur Nebenstraße, die zur Gendarmeriestation führt. Dann kehrte er um. Er hatte Glück, obwohl es anfangs gar nicht so aussah. Vor der Gemeindeverwaltung hatte sich auf der Straße inzwischen eine Menschengruppe gebildet, die einer Darbietung zusah.
Als der Junge herantrat, stoben die Zuschauer plötzlich mit großem Geschrei auseinander und machten einem riesigen Hahn Platz, der ein Opfer für einen Angriff suchte. Max kam da gerade recht. Ehe er es sich versah, stürzte sich das Tier auf ihn und hieb mit seinem großen Schnabel auf Schulter, Rücken und Arme ein. Max hatte alle Hände voll zu tun, sich zu schützen. Schließlich wurde ihm auch noch Spreu ins Gesicht geblasen, sodass er nichts mehr sehen konnte.
Währenddessen rief eine Stimme von einem Tonband:
»So schlägt die Natur zurück!« Können wir der geschundenen Kreatur verdenken, dass sie Rache an den Menschen nimmt?! Was heute noch ein Spiel ist, kann morgen ernst werden. Schließen Sie sich unserem Protest gegen Massentierhaltung und Tierversuche an und füllen sie unseren Spendentopf! Bitte die ausliegende Liste unterschreiben!«
Der Sprecher verstummte, worauf der Hahn sich unter dem Gelächter der Leute ein anderes Opfer suchte und das Ganze von vorne begann.
Max versuchte wütend, sich von der Spreu zu befreien, die überall an seinen Sachen hing. Auf einmal spürte er geschickte Hände auf seinem Rücken, die ihn säuberten. Als er sich umsah, blickte er in ein paar tiefblaue Augen, die ihn unter langen blonden Locken aus einem grünen Gesicht anstrahlten.
»Entschuldige«, äußerte das seltsame Geschöpf mit melodischer Stimme. »Er war wohl zu grob. Es stimmt schon. Der Rote Hahn schießt gern mal übers Ziel hinaus.« Die Sprecherin war als Henne verkleidet, hatte aber jetzt ihren Tierkopf zurückgeklappt. 
Max war nicht nur über die verschmutzte Kleidung, sondern auch über die Demütigung verärgert, die ihm widerfahren war. Er wollte die Hilfe gerade harsch zurückweisen, als ihm aufging, wie der Anführer der Chaostruppe genannt worden war. ROTER HAHN war doch der Name, mit dem der Erpresser den Drohbrief an Tante Sofie unterzeichnet hatte. Und hinter ihm verbarg sich ein Tierschützer, der auch vor radikalen Mitteln nicht zurückschreckte, wie Max soeben am eigenen Leib verspürt hatte. Hier musste er dranbleiben. Wenn er es richtig anstellte, konnte er eine Menge erfahren.
 Er schluckte deshalb seinen Zorn hinunter. »Ich kann euer Anliegen verstehen«, äußerte er gespielt sanftmütig und fügte dann unvorsichtig hinzu. »Ich habe mich selbst schon für den Umweltschutz eingesetzt und würde es sofort wieder tun.«
Die Henne strahlte. »Ja, wirklich? Das trifft sich gut. Der Bursche, der den Stier spielen sollte, hat uns im Stich gelassen. Da kommt deine Hilfe gerade recht.« Sie packte Max und zog ihn hinter eine behelfsmäßige spanische Wand, die zum Umkleiden vor einem Campingbus aufgestellt worden war. Sie bestand aus einer Stange auf zwei Ständern, über die eine Decke gehängt worden war. Das gab den Anschein von Intimität, die natürlich nicht gewährleistet war. Ohne viel Federlesen machte sich das Mädchen daran, den Jungen von seinen Sachen zu befreien.
»Muss das sein?«, fragte Max widerstrebend. Er war schon lange aus dem Alter heraus, in dem weibliche Hände ihm aus der Kleidung helfen mussten.
Die Henne ließ sich in ihrem Werk nicht stören. »Ja, sonst wird´s zu eng und zu heiß! … Mensch, zier dich nicht so«, fuhr sie ihn schließlich an, als er sich weiterhin sträubte. »Ich habe schon mal einen nackten Mann gesehen.«
Max gab seinen Widerstand auf. Er durfte nicht zimperlich sein, wenn er Erfolg haben wollte. Mitmachen war genau die richtige Methode, um das Vertrauen der Tierschützer zu gewinnen und in ihre Pläne eingeweiht zu werden. Es wurde dann auch nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Er durfte seine Unterwäsche anbehalten. Mit vereinten Kräften gelang es beiden, ihn in das enge Kostüm hineinzuzwängen, das für einen viel kleineren Akteur bestimmt war. In der Zwischenzeit hatte ihm die Henne, die Cynthia hieß, noch einmal den Sinn der Darbietung erläutert. Sie sollte deutlich machen, dass es mit der Geduld und der Friedfertigkeit der Tiere bald ein Ende haben werde, wenn die Menschen ihre Einstellung zu ihnen nicht änderten.
Wenig später tapste Max mit geschwärztem Gesicht als Stier umher und trieb seine Späße mit den Zuschauern, die sich dies lachend gefallen ließen. Durch einen Spalt im Kopf konnte er seine Opfer auswählen. Mit der Zeit begann ihm seine Rolle Spaß zu machen. Er tänzelte auf den Hinterbeinen hin und her, als sei er ein Tanzbär. Ab und zu ließ er sich auf seine Hände herab und griff das Publikum an. Das hatte jedes Mal den Erfolg, dass die Zuschauer lachend und kreischend zurückwichen.
 Es war fast wie bei einem Straßenfest in Spanien, wenn der Stier auf die Straße gelassen wird und die Menschen vor sich hertreibt. Max war stolz, dass er auch wie ein solcher brüllen konnte. Inzwischen war noch ein Esel erschienen, der ihn unterstützte, aber mit seinen schauspielerischen Talenten ihm nicht das Wasser reichen konnte.
 Plötzlich sah Max unter der Menschenmenge Micha, der seine Aufgabe wohl schon erledigt hatte. Er schaute belustigt dem grotesken Treiben auf der Straße zu, nicht ahnend, dass sein Freund einer der Hauptakteure war. Max wollte ihm auf die Sprünge helfen. Er posierte vor seinen Augen und machte allerlei Kunststücke. Die Verkleidung war aber so gut, dass Micha ihn nicht erkannte. Deshalb entschloss er sich, an seinem Freund einen Spaß auszuprobieren, der den Höhepunkt der Vorführung bilden sollte. Er setzte aber voraus, dass man an das Opfer nahe genug herankam. Dafür war Micha gerade der Richtige. Er stand wie ein Fels in der Brandung, ohne das Hin- und Herlaufen der anderen Zuschauer mitzumachen.
Max näherte sich seinem Ziel behutsam. Er trieb mal hier und da seinen Spaß und änderte mehrfach die Richtung. Schließlich blieb er - wie es schien ganz zufällig - vor seinem Freund stehen und rieb seinen aufgesetzten Kopf an ihm. Als er die richtige Position erreicht hatte, hob er das hintere Bein und löste damit einen Mechanismus aus. Ein Behälter entleerte sich mit sanftem Strahl auf die Hose. Sie wurde nass und nässer, bis sie durchweicht und triefend am Bein klebte. Ein schadenfrohes Gelächter erhob sich, vom Klatschen und Gröhlen der Zuschauer begleitet.
Micha war von der Attacke völlig überrascht worden Er begriff erst dann, was vor sich gegangen war, als er die Feuchtigkeit am Bein spürte. Dann schaute er verblüfft auf den durchnässten Stoff herab. Die Ursache dafür wurde ihm wohl erst nach und nach klar, als das Gelächter der Umstehenden nicht abriss und sogar der Stier wiehernde Geräusche abgab. Schließlich wandte er sich mit hochrotem Kopf um und bahnte sich einen Weg durch die brüllende und johlende Menge, die einen Kreis um ihn gebildet hatte.
Max hatte inzwischen ein schlechtes Gewissen bekommen. Wenn die Aktion darauf gerichtet gewesen war, Micha vor allen Augen lächerlich zu machen, dann war sie voll geglückt. Na, da konnte er was erleben, wenn Micha erfuhr, wer da seinen Spaß mit ihm getrieben hatte. Hoffentlich begegnete er ihm heute nicht mehr.

Klaus Kurt Löffler:
Als studierter Jurist war ich zuletzt als Vorsitzender Richter am Landgericht tätig. Nach meiner Pensionierung habe ich während eines Aufenthalts in St. Wolfgang am Wolfgangsee mit dem Schreiben von Jugendbüchern angefangen. Der Schauplatz und meine beruflichen Erfahrungen wollten es, dass es Detektivgeschichten wurden, in denen die Landschaft eine entscheidende Rolle spielt. Es steht bei mir aber nicht das Verbrechen, sondern das hinter ihm stehende Rätsel im Vordergrund. Denn meine Junior- Detektive lösen ihre Fälle mit Köpfchen.
  



Freitag, 28. August 2015

Die Kichererbsen stellen die Bankräuber, Teil 1 von Marianne Christmann


Klappentext zu ‚Die Kichererbsen stellen die Bankräuber, 
Teil 1:

Die Kichererbsen – das sind die Siebtklässlerinnen Tina, Anne, Lena und Sara. Vier Freundinnen, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel, eine alte Grillhütte im Wald als Klubhaus benutzen und für ihr Leben gerne Kriminalfälle lösen.
Als in ihrem kleinen Städtchen eine Bank überfallen wird, sind die vier sofort zur Stelle, um den Kriminalbeamten – ob die wollen oder nicht – hilfreich zur Seite zu stehen. Doch ganz so einfach, wie die Mädchen sich das  vorgestellt haben, ist es nun auch wieder nicht, die ‚schweren Jungs‘ zur Strecke zu bringen …
 Erhältlich bei als E-Book bei Amazon, Thalia, bücher.de, Weltbild, Hugendubel
 und als Taschenbuch.

Leseprobe zu Teil 1:

Die Mädchen hatten den Wald erreicht. Mit ihren Taschenlampen beleuchteten sie den Weg, um nicht zu stolpern, obwohl es noch nicht vollkommen dunkel war. Tina sah sich ständig ängstlich um.
„Was hat da eben geraschelt?“, fragte sie und spähte angestrengt ins Gebüsch.
„Vielleicht ein Kaninchen“, antwortete Lena.
„Die schlafen doch nachts, oder? Gibt es hier eigentlich Ratten? Oder Spinnen?“ Leise Panik war in Tinas Stimme zu hören.
Zögernd ging sie weiter und sah sich dabei nach allen Seiten um. Sie glaubte, überall Geräusche zu hören und erwartete, dass gleich eine schwarze Gestalt aus der Dunkelheit kam, um sie zu erschrecken. Eine Eule schuhute und Tina fuhr erschrocken zusammen. Wieder schaute sie umher, dabei stolperte sie über eine Wurzel und wäre beinahe gestürzt. Sie konnte sich gerade noch an Sara festhalten. Diese nahm sie bei der Hand und zog sie weiter.
„Psst, nicht so laut, sonst hören sie uns noch“, sagte Anne, die angestrengt in die Ferne lauschte. Ihr Schluckauf war inzwischen vorbei, was auch gut war.
Als sie fast die Stelle erreicht hatten, blieben sie stehen und lauschten. Da waren Stimmen! Die Gangster! Die waren tatsächlich schon da. Die Mädchen schlichen sich etwas seitlich heran und schauten vorsichtig hinter einem Busch hervor. Ja, drei Gestalten gruben die Säcke und Kassetten aus. Im Dämmerlicht konnten die Mädchen die drei Männer vom Nachmittag erkennen. Jetzt wurde ihnen doch etwas beklommen zumute.
„Puh, wie unheimlich hier“, hörten die Mädchen den Mann sagen, der Kalle genannt wurde, „hoffentlich sind wir bald fertig und können abhauen.“ Seine Kumpane lachten. Aber es klang nicht sehr überzeugend.
„Ich bin auch dafür, dass wir die Sache schnell beenden und machen, dass wir wegkommen“, ließ sich Detlef vernehmen, „es ist wirklich nicht sehr angenehm hier.“
Die drei Männer hatten die Säcke und Kassetten ausgegraben und begannen nun, sie zum Auto zu transportieren, das, wie die Mädchen erst jetzt bemerkten, nur einen Steinwurf weit entfernt stand. Durch die schwarze Farbe war es von seiner Umgebung fast nicht zu unterscheiden. Dabei kamen die Männer ziemlich dicht an dem Busch vorbei, hinter dem die Mädchen kauerten. Sie waren so nahe, dass sie ihren Atem hören konnten. Wie erstarrt saßen sie da und wagten nicht, sich zu rühren. Die Männer wandten sich dem Auto zu und verluden die Gegenstände. Erleichtert atmeten die Mädchen auf.
„Und was machen wir jetzt?“, wisperte Lena, „wir müssen sie irgendwie aufhalten. Sie sind jeden Moment fertig und dann fahren sie weg.“
Die Mädchen sahen sich ein wenig ratlos an. „Ich könnte mich hinschleichen und ihnen die Luft aus den Reifen lassen“, schlug Sara leise vor.
„Die sehen dich dann aber“, entgegnete Lena und machte ein besorgtes Gesicht.
„Das ist viel zu gefährlich“, meinte auch Anne.
„Ihr könnt sie ja ablenken, damit sie mich nicht bemerken.“
Anne und Lena schüttelten den Kopf. „Wir sind zwar zu viert, können es aber trotzdem nicht mit den dreien aufnehmen“, sagte Lena realistisch.
„Und wenn wir die Polizei anrufen und sagen, dass sie sofort kommen sollen? Es gibt nur diesen einen Weg zurück in die Stadt und die Polizei könnte sie abfangen“, meinte Sara.
„Wenn wir jetzt telefonieren, dann hören sie uns“, erwiderte Anne, „außerdem weiß ich nicht, ob wir hier im Wald überhaupt Empfang haben.“
„Oh, das hab ich nicht bedacht“. Sara dachte angestrengt nach.
„Moment“, sagte Tina und bewegte sich ein wenig. Sie wollte ihr Gewicht etwas verlagern, da ihr ein Bein eingeschlafen war, rutschte aber auf dem Waldboden, der hier ziemlich abschüssig war, aus, blieb dabei an einer langen Wurzel hängen und stieß vor Schreck einen Schrei aus, als sie den Abhang hinunterkullerte.
Dort blieb sie erst einmal einen Augenblick regungslos liegen und lauschte, was oben geschah. Hatten die Gangster sie gesehen oder bemerkt?

Autorenvita:

Mein Name ist Marianne Christmann, ich wurde am 10. September 1958 in Weinheim/Bergstr. geboren, wo ich auch aufgewachsen bin.
Nach Abschluss des Gymnasiums machte ich an der Mannheimer Akademie meine Ausbildung zur Europasekretärin. Danach war ich in verschiedenen Firmen als Fremdsprachensekretärin und Übersetzerin tätig.
Heute lebe ich mit noch einem meiner vier Kinder und meinem Hund im Odenwald.
2009 begann ich mein Fernstudium an der Schule des Schreibens in Hamburg. Dieses schloss ich 2012 erfolgreich ab.
Mein erstes Buch Die Kichererbsen stellen die Bankräuber, ein Kinderkrimi für die Altersgruppe 8 – 11 Jahre, erschien im November 2014.
Mein zweites Buch Die Kichererbsen und die Entführer folgte kurz darauf, im Dezember 2014.
Anfang Februar 2015 erschien Reise ins Feenland, eine Fantasy-Geschichte für Kinder, ebenfalls für die Altersgruppe 8 – 11 Jahre.
Im Frühjahr 2015 wurde der dritte Teil der Kichererbsen-Reihe Die Kichererbsen jagen die Wilddiebe veröffentlicht.

Nähere Infos auf meiner homepage




Dienstag, 21. Oktober 2014

Auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen: MAX UND MICHA, die Junior-Detektive von Klaus Kurt Löffler





In der Dittelbachschlucht sieht man nachts Lichter zu einem keltischen Heiligtum ziehen. Zwei Beobachter haben ihre Neugier schon mit dem Tode bezahlt. Dort finden Max und Micha in einer Höhle den Hilferuf eines kleinen Mädchens. Haben die Satanisten ihre Hände im Spiel, die hier Menschen opfern? Diesmal wird es beinhart und die Jungen müssen an ihre Grenzen gehen.
Erhältlich bei Amazon als Printbuch oder Ebook.






Kapitel 1: Ein großes Geheimnis
»Kannst du den Mund halten, wenn es wichtig ist?«
Die Jungen standen auf einer schmalen Holzbrücke in der Schlucht des Dittelbaches und schauten auf die schäumende Flut, die über zwei Stufen in ein Becken hinunterstürzte. Vom linken Rand kam in einer Rinne weiteres Wasser herab, das sich unten mit dem Bach vereinigte und dann hinter einem Felsen verschwand.
Micha Bestmann, vierzehn Jahre alt, mit dunklem Haar und klugen Augen, sah seinen Begleiter prüfend an.
»Warum fragst du?« Max von Denker blickte erstaunt auf. Obgleich einige Monate jünger, wirkte er, groß, blond und stämmig, weit erwachsener als sein Freund. Er hätte glatt sein großer Bruder sein können.
Sie waren mit ihren Fahrrädern bis zum Waldrand gefahren und dann zu Fuß in die Schlucht hinabgestiegen. Micha hatte sich über das Ziel ihres Ausflugs in Schweigen gehüllt und mit geheimnisvollen Andeutungen begnügt. Zunächst aber hatten sie eine seltsame Begegnung.
Auf der Holzbrücke stand ein kleiner Mann, der trotz des sonnigen Wetters einen schwarzen Regenmantel anhatte und eine Baskenmütze trug. Er starrte auf das Wasser hinab, als könne er dadurch die Rätsel der Welt lösen.
»Das ist was für Lebensmüde«, äußerte Max, als sie ebenfalls Halt machten und hinuntersahen.
Micha nickte. Er war aus dem Ort und wusste Bescheid. »Vor kurzem hat´s hier wirklich an Unfall geben«, sagte er im Dialekt. »A Holzknecht ist in den Bach g´fallen. Das Wasser hat ihn die Klippen abig´rissen. Das war´s dann. Er ist weiter unten tot g´funden worden.«
Der Mann neben ihnen sah auf und kämpfte mit sich, ob er sich einmischen sollte. Schließlich äußerte er leise, so als spräche er mit sich selbst: »Ich habe das anders gehört.« Mehr wollte er wohl nicht sagen, denn er schaute wieder aufs Wasser. Aber irgendwas drängte ihn, doch noch hinzuzufügen: »In der Schlucht soll es nicht geheuer sein.«
Die Jungen sahen ihn erstaunt an. Als er erkannte, dass er eine Erklärung schuldig war, fuhr er stockend fort: »Man erzählt von ... seltsamen Geisterprozessionen, ... die einmal im Monat nachts bachaufwärts schreiten, ... wo sie um Mitternacht ... an einem geheimen Ort ... unheilvolle Rituale vollziehen. Der Holzknecht ist mit dem Tode bestraft worden, ... weil er das Treiben belauscht hat.«
»Dummes Gerede und Aberglaube.« Micha lachte verächtlich. »Die Leute können nicht anders, als hinter jedem Unfall ein übernatürliches Ereignis zu vermuten.«
»Ich wollte, es wäre so«, erwiderte der Kleine. »Der Holzknecht ist nicht das einzige Opfer geblieben. In der Schlottermühle hinter uns ist ein Kellner verschwunden, der ebenfalls dem Spuk nachgehen wollte.«
»Bestimmte Vorfälle häufen sich eben«, sagte Micha, »besonders wenn sie die gleiche Ursache haben. Hier offenbar die Dunkelheit.«
 »Das habe ich auch zuerst gedacht.« Der Fremde musterte die Jungen unruhig, als sei er sich nicht sicher, wie viel er noch erzählen solle. Schließlich sprach er zögernd weiter: »Ich wollte die Gerüchte überprüfen und ... hätte beinahe das gleiche Schicksal erlitten.«
»Aber Sie haben`s überlebt«, äußerte Micha gleichmütig. Man sah ihm an, dass er die Sache nicht ernst nahm. Max dagegen wollte es genauer wissen. »Was ist passiert?«, erkundigte er sich neugierig.
»Es ist neun Tage her, es war Sabbat, die Nacht des Hexenspuks«, berichtete der Kleine. »Da waren gegen Mitternacht Lichter in der Klamm hinter der Mühle. Als ich ihnen nachgegangen bin, hat mich eine Gestalt mit rotglühenden Augen angesprungen. So groß und breit wie ein Kalb. Ich bin rücklings in den Bach gestürzt. Zum Glück haben mich Sträucher aufgefangen, sodass ich mit Abschürfungen und Prellungen davongekommen bin. Nicht anders wird es dem armen Holzknecht ergangen sein; nur dass er nicht so einen Mordsdusel hatte.«
»Was war das für ein Tier?«, fragte Max neugierig.
Der Kleine wiegte bedächtig den Kopf. »Keiner aus der Umgebung will darüber sprechen«, erklärte er. »Sie fürchten wohl, dass das Unglück bringt. Ich habe aber herausgebracht, dass es ein magischer Hund ist, der die Versammlung der Geister vor Lauschern schützt. Er taucht ebenso unvermittelt aus dem Nichts auf, wie er plötzlich wieder verschwindet. Wen er berührt, ist verloren. Ein böser Fluch führt dann früher oder später zum Abgang!«
Der Fremde brach ab. Man merkte, dass ihm die Angst in den Knochen steckte. Als er die ungläubigen Gesichter der Jungen sah, rief er heftig: »Ich verstehe, dass ihr Zweifel habt ... Ich selbst würde es allzu gern als Aberglauben abtun ... Aber ich bin der lebende Beweis dafür, dass es nicht so ist. Jedes Mal, wenn ich mich in die Schlucht hineinwage, habe ich ein Unglück. Dabei werden die Unfälle immer gefährlicher: Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis ich mich zu Tode stürze.«
In der Tat hatte der Kleine blaue Flecke sowie offene und verschorfte Wunden an Gesicht und Händen. Er genoss das Mitgefühl, das ihm entgegengebracht wurde, und erklärte dann: »Jetzt muss ich mich hinlegen, da ich mir die ganze Nacht um die Ohren geschlagen habe.«
»Haben Sie noch was entdeckt?«, fragte Max, der gern mehr über die geheimnisvollen Umtriebe erfahren hätte.
»Nein, es war alles ruhig ... Ich habe nicht mal einen Unfall erlitten.« Der Kleine schien fast enttäuscht darüber.
»Sehen Sie!«, sagte Micha. »Es geht also auch ohne.«
Der Fremde verabschiedete sich und wandte sich zum Gehen. Dabei stolperte er über eine Holzschwelle und fiel auf das altersschwache Geländer, das nachgab und sich nach unten neigte. Er wäre ins Wasser gestürzt, wenn nicht die Jungen zugegriffen hätten. »So, jetzt habt ihr´s selber gesehen!«, rief er fast erfreut. »Es gibt einen Fluch und er wirkt immer noch.« Dann entfernte er sich unbeholfen nach einigen Worten des Dankes.
»Hey, das war ein merkwürdiger Vogel«, lachte Max und bemühte sich, das unheimliche Gefühl abzuschütteln, das ihn bei der Schilderung des Kleinen überfallen hatte.
»Der Mann ist ein Beispiel dafür, wie Aberglaube schadet«, äußerte Micha. »Er ist wohl an den großen Wolfshund geraten, der die Mühle bewacht. Das Tier war natürlich nicht einverstanden, dass sich nachts dort jemand herumtrieb. Es war also ein ganz normaler Vorgang. Aber, ... weil der Kleine an Unglück glaubt, hat er Unglück und wird es weiterhin haben, solange er so denkt. Hier ist nicht der Fluch die Ursache, sondern der Glaube daran ... Wir müssen also unser Vorhaben nicht aufgeben!« Micha setzte das in einem Ton hinzu, als wolle er einen Einwand widerlegen.
Max horchte auf. Das hörte sich fast so an, als wenn die ›Junior-Detektive‹, wie er und Micha scherzhaft genannt wurden, bald wieder im Geschäft wären.