Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren
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Dienstag, 14. Mai 2013

Spiel mit dem Drachen von Tine Sprandel




Eine Geschichte für Zwischendurch, zum Vorlesen oder alleine lesen. Fünf Kinder entdecken einen Drachen, verlieren ihn und machen sich auf ihn wieder zu finden … Für alle, die gerne spielen, ab fünf Jahren.
Das E-Book gibt es bei: xinxii, smashwords, itunes-bücher
Mehr Bücher und E-Books von Tine Sprandel: www.asprandel.de





Leseprobe



Erstes Kapitel
Wer hat Angst vorm Drachen? Niemand!

Ein Drache. Er nähert sich. Er ist grün und blau und mit dunklen Punkten. Nein, das sind keine Punkte, das sind Flecken. Große weihnachtsbaumgrüne Flecken. Miro, Lotte, Sven, Fabian und Laslo, die Kinder aus dem Lagerhaus, ducken sich hinter eine zerbrochene Fensterscheibe und schielen auf den Parkplatz. Sie sind auf zerbeulte Reifen geklettert, um besser sehen zu können. Draußen schüttet es.
In dem verlassenen Lagerhaus gibt es sonst nur noch ein paar Tische, Stuhlbeine und Eimer, in denen einmal Farbe gewesen sein muss. Und die Reifen. Wenn es regnet bauen sie gerne Reifenburgen. Mitten beim Reifen Schleppen hat Miro den Drachen entdeckt.
Kein Auto der Welt würde sich auf diesem ehemaligen Parkplatz bewegen. Aber ein Drache. Er platscht mit seinen quallenförmigen Pranken von Asphaltloch zu Asphaltloch, von Pfütze zu Pfütze. Je tiefer die Pfütze, desto weiter und lauter spritzt das Wasser. Er scheint es zu genießen. Das Wasser perlt an seiner Haut ab, der lange Rücken windet sich unter den Tropfen wie Papa unter der Dusche.
„Wie der wohl heißt?“, fragt Lotte.
„Wir könnten ihn 'Theodor' nennen“, schlägt Fabian vor. Fabian kennt Namen, weil seine Stiefmutter gerade ein Baby bekommen hat.
„Du spinnst. Theodor ist kein Drachenname“, antwortet Lazlo.
„Und was ist ein Drachenname?“, fragt Fabian zurück.
„Hugo.“
Lotte brüllt vor Lachen. Miro bleibt stumm. Er sieht dem Drachen in die Augen und entdeckt ein Leuchten, dass er so noch nie gesehen hat. Die Augen strahlen glücklich und erzählen gleichzeitig von einem sehr traurigen Erlebnis. Ein Königreich gefangen in einem Drachenleben auf einem Parkplatz mit Asphaltlöchern.
„Nechard können wir ihn nennen“, sagt Sven.
„Das ist voll einfallslos. Einfach Drachen von hinten!“, schnaubt Lotte.
So streiten sie ein Weilchen.
„Also bleibt es bei Nechard“ beschließt Miro am Abend, eh jeder nach Hause geht.
Nechard hatte sich in der Zwischenzeit ein besonders großes Asphaltloch gesucht und hineingelegt. Jetzt schnarcht er.
„Wir können es wagen, an ihm vorbei zu gehen!“ schlägt Lazlo vor.
„Keiner verrät etwas zu Hause“, befiehlt Sven. Er spielt gerne den Anführer.
„Warum?“, fragt Miro.
„Weil sie sonst kommen und Nechard für den Zoo holen.“
„Wir könnten hier doch einen eigenen Zoo aufmachen!“
Das ist ein guter Entschluss! Dann schleichen sie hintereinander, Miro, Sven, Lazlo, Fabian und zum Schluss Lotte, aus dem Lagerhaus heraus.
„Hoffentlich ist er morgen noch da!“, flüstert Lotte zum Abschied.
Der Drache grunzt, als sie auf seiner Höhe sind. Er hebt den Kopf. Lazlo zittert am meisten, er ist der kleinste und ‑ er hatte Angst vor Drachen.
Miro schleicht weiter. „Nicht beachten, ganz ruhig bleiben, dann bleibt er auch ruhig!“
Geschafft. Sie erreichen das Tor, das sie aus dem Parkplatz heraus auf die Straße führt.

Miro, Sven, Lazlo, Fabian und Lotte haben Glück. Auch am nächsten Tag liegt Nechard an seinem Platz in der Pfütze und schläft. Vorsichtig schleichen sie an ihm vorbei. Lazlo geht heute sogar ein paar Schritte auf ihn zu und spitzt in die Nasenlöcher.
„Da ist kein Feuer drin“, verkündet er, als er sich wieder in sicherem Abstand und bei den Anderen steht.
Sie warten. Lotte nähert sich als Nächste. Sie bückt sich über eine Pfote, streckt ihre Hand aus ‑ gerade als sie die Haut fast berührt, schnauft Nechard. Lotte rennt zurück. „Die Krallen sind scharf“, sagt sie.
Lazlo tippt Miro auf die Schulter.
„Jetzt du.“
„Ich bin doch nicht wahnsinnig. Ihr habt ihn aufgeweckt.“
„Dann musst du eben vorsichtig sein.“
„Was wollt ihr wissen?“ Miro hat fürchterliche Angst. Aber er kann jetzt unmöglich kneifen.
„Welche Farbe haben seine Augen?“ meint Sven.
„Du spinnst!“, sagt Lotte. „Nechard schläft doch, dazu müsste Miro ihm die Augenlider hochziehen!“
„Versuchs doch selber“, sagt Lazlo zu Sven.
Miro denkt fieberhaft nach. Ihn interessiert am meisten, ob man auf dem Drachen reiten kann. Und natürlich: ob man auf ihm fliegen kann.
Er zieht seine Schuhe aus.
„Was hast du vor?“ flüstert Lotte.
„Hej, jetzt bin ich gespannt“, sagt Sven.
„Pass auf, wenn er Feuer spuckt, dann läufst du nicht zu uns zurück, sondern nach vorn ins Lagerhaus. Wir werden ihn von dir ablenken und großen Krach machen. Wartet mal.“ Lazlo rennt davon und holt Eimer und abgebrochene Stuhlbeine.
Nun schläft Nechard wieder ganz friedlich. Manchmal zuckt er, als ob er träumt.
Miro schleicht los. Er vermeidet die Pfützen, um keine nassen Füße zu bekommen. Drachen können ja die Temperatur nicht wechseln, hat er mal gehört. Egal wie warm oder kalt es draußen ist, sie sind immer gleich warm. Also müssen sie ins Wasser, um sich abzukühlen oder Feuer spucken, um sich aufzuwärmen oder so ähnlich. Auf jeden Fall will Miro Nechard nicht mit seinen kalten Füßen erschrecken. So wie seine Mutter immer zusammenzuckt, wenn er nachts in ihr Bett kriecht. Von dem Weg vom Kinderzimmer ins Schlafzimmer bekommt er immer kalte Füße. Seine Mutter lässt ihn aber dennoch unter ihre Decke und er darf seine Füße an ihren wärmen. Vielleicht war der Drache auch so nett.
Miro geht an dem Tier entlang. Er braucht elf Schritte, um die ganze Länge abzugehen und noch viel mehr, um um den Drachen herum zu gehen.
Lotte winkt ihm zu, er solle zurückkommen. Sven starrt, Fabian schiebt die Faust in den Mund. Lazlo steht mit einem Holzknüppel und einem Eimer bereit.
Nechard öffnet die Augen und die Pupillen bewegen sich ganz langsam zu Miro. Dabei legt er sich noch flacher auf den Boden. Sein ganzer Bauch versinkt im Boden. Ein Bein winkelt der Drache an. Miro findet, das schaue aus wie eine Treppe und fühle sich wie eine Einladung an. Also klettert er auf den Rücken, sucht sich einen Platz zwischen zwei Höckern. Drachen haben nämlich eine Reihe von kleinen Höckern den ganzen Rücken entlang. Miro findet eine bequeme Kuhle, eine die genauso so groß ist wie er.
Sven, Lazlo, Fabian und Lotte stehen steif und regungslos und schauen ihm zu. Miro sitzt auch steif. Er wagt es nicht, sich zu bewegen. Er wundert sich. Er ist so hoch und stolz und die Sonne kommt zwischen Wolken hervor und strahlt auf sein Gesicht. Wie ein König. Wie ein König der Lüfte.
...

Dienstag, 9. Oktober 2012

Ungerecht! Von Tine Sprandel



Krimi für Jugendliche und Junggebliebene ab 12 Jahren

Ein echtes Kloster, mit Kreuzgang, Mönchen und Geheimgängen. Das ist die Schule, die Jakob nach dem Umzug der Familie erwartet. Die flapsige Bemerkung des Klassenlehrers über Überwachungskameras, veranlasst Jakob mit Jonny und Danny den Keller zu untersuchen, der an ihr Behelfs- Klassenzimmer angrenzt. Jonny findet zudem heraus, dass im siebzehnten Jahrhundert zwei Stiftsschüler aus diesem Kloster mit 12 Jahren als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. So wie damals vermutet er auch heute eine weitverzweigte Überwachungsaktion im Kloster.
Bei der Aufklärung schlittern die Schüler in eine verbotene Situation nach der anderen, sie werden zu Recht und zu Unrecht bestraft. Jakobs neue Klasse ist so turbulent wie ungewöhnlich, doch dann droht ihm der Schulverweis. Ist das alles nicht irgendwie ungerecht?

Das eBook “Ungerecht!” bei amazon und smashwords.

Leseprobe aus dem 5. Kapitel: Wir sind drin!

Als sie im Klassenzimmer waren, gab Jonny mit erhobenen Kopf Anweisungen. „Zuerst gehen wir in den Schacht. Jule und Daniela passen hier auf. Im Schacht teilen wir uns auf, Carlo und Jakob bleiben am Eingang und hören auf die Mädchen. Friedel und Matts gehen nach rechts ...“
Carlo setzte sich auf seinen Stuhl und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jetzt haben wir eh nicht mehr genug Zeit.“
Daniela schraubte gerade den Lüftungsdeckel ab und stieg mit einem Bein hinein.
„Verdammt eng, wie bist du da rein gekommen?“, fragte sie Carlo.
„Ihr seid schön blöde“, sagte Jule. „Im Garten gibt es einen direkten Zugang!“
Alle waren still. Danielas Kopf hing noch aus dem Lüftungsschacht. Matts begann zu kichern. „Woher willste das wissen?“
„Hab ich gleich gesagt, ihr braucht uns!“ rief Daniela.
Jonny wandte sich sofort zur Terrassentür: „Los. Wir nehmen den Eingang, Daniela kann ja durch den Schacht kriechen.“
„Pass auf, dass du keine Spinnweben ins Klassenzimmer schleuderst, sonst müssen wir wieder putzen ...“, feixte Friedel.
Danny fauchte.
Durch den Schacht kriechen, wenn man auch durch eine Tür gehen kann – Blödsinn. Jakob rannte in den Garten.

Jule testete die Holztür links von der Terrassentür. Nicht verschlossen.
Jakob prüfte seine Uhr. Es war jetzt 7.40 Uhr. Zwanzig Minuten blieben ihnen noch. Sie betraten einen Schuppen. Rechen, Harken, Rasenmäher und Kisten. Unmengen von alten und neuen Tontöpfen lagerten auf zwei Ebenen. Wie bei Großmutter im Keller. Mitten im Raum führten ein paar Steinstufen eine halbe Etage tiefer. Dort lehnten zwei altmodische Sensen, Grabgabeln und Schneeschaufeln an der Wand. Keine weitere Tür. Nichts. Daniela nirgends zu sehen.
Doch es klopfte an einer Wand. Sie räumten die Geräte im unteren Teil zu Seite.
„Mist“, rief Carlo, „hab mir das Schienbein aufgeschürft. Die sind verdammt scharf diese Teile.“
„Also sind sie noch in Benutzung“, sagte Jonny. „Irgendwo muss das Kloster noch große Wiesenflächen haben.“
Von Carlos Schienbein tropfte Blut auf den Boden.
„Spuren. Wir hinterlassen zu viele Spuren“, murmelte Jonny. „Wenn uns hier jemand drauf kommt“
„Wir sollten für heute abbrechen“, sagte Jule.
„Morgen wieder so früh?“ rief Carlo „Im Leben nicht!“
„Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte Jonny.
„Zehn Minuten.“
„Wir machen weiter.“
An der Wand, von der die Klopfzeichen kamen, legten sie eine Tür mit einem Türknopf frei. Jonny testete: verschlossen.
„Wir müssen alles noch zurück räumen, außerdem habe ich Hunger“, nörgelte Carlo.
„Du bist echt bauchgesteuert“, sagte Friedel und untersuchte das Schloss.
Fahles Morgenlicht strömte in den Schuppen, plötzlich fiel die Tür hinter ihnen knarzend ins Schloss. Sie standen im Dunklen.
„Hat jemand eine Taschenlampe?“, fragte Friedel.
„Super Planung“, sagte Carlo. „Ich habe Hunger und gehe jetzt zurück.“
Jakob holte seinen Schlüsselbund mit der Miniaturtaschenlampe hervor.
„Na wer sagt es, Jay denkt mit“, sagte Matts. Er legte seine Hand auf Carlos Schulter. „Zurück gehen wir alle zusammen.“
Jakob richtete den bläulichen Lichtstrahl auf das Schloss.
„Wisst ihr, dass das Einbruch ist?“
„Hört, hört, der Neue ist schlau“, höhnte Matts.
In dem Moment ging die Tür auf. Daniela hatte von innen geöffnet!
Jonny jauchzte: „Wir sind drin!“
Jakob jauchzte nur innerlich. Doch kein Einbruch.

Ab dann redete niemand mehr.
Jakob leuchtete mit seiner Taschenlampe und sie folgten dem Gang.
  • ...


Dienstag, 17. April 2012

Die Kaliberkipper von Tine Sprandel


Kaliberkipper sind Monster. Kaliberkipper sind gefährlich und schlau. Sie toben durch den verwunschenen Wald der einsamen Stimmen und verwüsten ihn. Kiki, Simona und Dirk werden gerufen, den Wald vor diesen Monstern mit überdimensionalen Kräften zu retten. Doch sie erfahren nicht einmal wer der Chef im Wald ist: Fusulus, das Fuchsmännchen oder NockNock, der Buntspecht mit den Morsezeichen oder wer? Der Wald der einsamen Stimmen ist für die Kinder verwirrend, paradiesisch und gefährlich – alles in einem. Und genau deswegen wollen sie ihn retten.

Hier können Sie direkt bestellen: amazon.

Mehr über die Autorin erfahren Sie auf Tines Blog: www.asprandel.de, und bei twitter: storykom, google+: Albertine Sprandel, Facebook: Albertine Sprandel


Leseprobe aus dem zweiten Kapitel: Kiki Grashüpfer

Kiki langweilte sich tatsächlich. Das Baumhaus war wunderschön. Aber wann durfte sie endlich allein in den Wald? Sie war schon 12! Trotzdem beharrten ihre Eltern darauf, dass sie nur mit Freunden loszog. Zum verrückt werden. Außer Angeber-Dirk, wollte niemand mit ihr zu tun haben.

Da sah sie einen silbrig glänzenden Fuchsschwanz durch das Geäst blitzen. Und noch einmal. Der Fuchs zog immer engere Kreise, dann verschwand er wieder.

Kiki schüttelte sich, sie glaubte zu träumen. Nie näherte sich ein Fuchs so sehr, nicht tagsüber.

Er tauchte wieder auf. Sein Kopf zuckte und das rechte Ohr wackelte. Das war doch ein Wink, oder? Kiki zögerte. Sollte sie oder sollte sie nicht?

Majestätisch drehte das Tier sich um und schritt langsam in den Wald. Die Nachmittagssonne verbreitete weiches Licht. Es war warm und versprach ein langer, lauer Abend zu werden. Wer sollte schon erfahren, dass sie sich auf den Weg gemacht hatte? Ihre Eltern wussten, dass sie das verlängerte Wochenende bei Omi verbringen wollte. Sie war gerne bei ihr, und die Eltern waren froh wenn Omi nicht so allein war. Aber ihnen war nicht klar, dass Omi so vergesslich geworden war, dass es ihr vielleicht erst morgen früh auffiel, wenn Kiki fehlte.

Kiki zog ihr Seil unter dem Stuhl hervor, steckte sich zwei Äpfel aus dem Vorrat, der immer im Baumhaus lagerte, in den Rucksack und kletterte auf die Baumhausdachterrasse. Sie befestigte das Seil mit einem Spezialknoten, den sie von unten lösen konnte und ließ sich langsam daran herunter, so dass sie hinter dem Gartenzaun direkt im Wald landete. Herrlich! Wieso war sie nicht schon eher auf die Idee gekommen?

Kein Fuchs weit und breit. Kiki wickelte sich das Seil um die Schulter und lief vorsichtig weiter. Sie versuchte lautlos zu schleichen, aber heute gelang es ihr nicht. Jeder Schritt verursachte ein Rascheln, das in der Stille des Nachmittags wie Flugzeuggetöse klang. So zog sie sich ihre Turnschuhe aus und lief barfuß weiter. Zuerst stieß sie auf einen geraden Forstweg, an einer Gabelung bog sie auf einen Trampelpfad ab. Nach dem eintönigen Wald mit hohen, kahlen Fichten folgte ein verschlungener Mischwald. Plötzlich stand sie vor einem Wurzelwerk, das so hoch wie ein zweistöckiges Haus war. Der Weg endete hier.

Kiki griff sich in die Haare. Da war nichts. Kein Durchgang, kein Hinweis. Als ob sie im Niemandsland ausgesetzt war. Sie war sich nicht mal sicher, ob sie den Weg nach Hause finden würde.

Blitzartig leuchtete der silbrig graue Fuchsschwanz durch die Wurzeln durch. Gelbe Augen starrten sie skeptisch an. Jetzt oder nie, dachte Kiki. Sie schob die Wurzelhaare zur Seite und kletterte über einen quer liegenden Ast ins Gewirr.

Kiki kroch und kroch und kroch.

Erdklumpen über ihr wackelten, als ob sie jeden Moment auf sie nieder rieseln würden. Kiki robbte auf allen Vieren weiter. Um sie herum wurde es immer dunkler. Feine Wurzelhärchen kitzelten am Hals.

Nach einer Ewigkeit öffnete sich das Gestrüpp und sie richtete sich langsam auf. Der Rücken schmerzte vom langen Bücken. Kiki horchte. Ächzen, Stöhnen und Gemurmel. Dazwischen Getöse, als ob eine Herde Büffel in weiter Entfernung vorbei raste. Es stank nach Maggi und duftete gleichzeitig nach grünem Wackelpudding.

Die Luft zitterte. Kiki auch. Vor Glück oder vor Aufregung oder vor Staunen. Sie ging einige Schritte aufrecht und fand sich in einer kleinen Lichtung wieder. Helle Sonnenstrahlen begrüßten sie und das hohe Gras schwang leicht hin und her. Die Lichtung war fast kreisrund und immer wieder wölbten sich moosbedeckte Steine aus dem Gras, wie kleine Stühlchen.

„Was willst du im Wald der einsamen Stimmen?“, krächzte jemand vom Boden.

Kiki suchte. War es das Männchen da hinten, halb so groß wie sie? Mit der ausgefransten Felljacke und Flickenhose? Das Wesen hob die Nase und sog mit langem Schnaufen Luft ein, drei Barthaare zu jeder Seite zuckten. Dann hob es abwehrend so etwas wie eine Hand. Zum Glück war Kiki weit weg, doch das Männchen kam näher.

„Wie bist du überhaupt hergekommen?“

„Ich – äh – durch den Wald“, stotterte Kiki.

Das Männchen musterte sie stumm.

„Was kannst du?“

Kikis Hände wurden feucht.

„Du bist doch ein Menschenkind, oder? Menschen können irgendetwas.“

„Ja, ja“, stotterte Kiki wieder. Wenn sie nur wüsste was sie antworten sollte. „Was muss ich denn in diesem Wald können?“, fragte sie um Zeit zu gewinnen.

„Am besten du scherst dich dahin wo du herkommst, und zwar sofort“, knurrte das Männchen und stellte seine Ohren spitz auf.

Nein, so schnell nicht, dachte Kiki. So einfach würde sie sich von diesem krummbeinigen Fuchsmännchen nicht vertreiben lassen. Hier war die Wildnis. Hier sprachen die Tiere in einer Sprache, die sie verstehen konnte, hier wackelten die Grashalme zur Begrüßung...

„Ich kann klettern und schleichen, ich kenne fast alle Pflanzen im Wald und weiß welche giftig sind, ich kann ...“

„Pah, das können wir auch. Das hilft uns nicht weiter“, bellte das Fuchsmännchen.

„Kiki ist schlau, sie kann rechnen wie ein Wiesel und kennt alle Tricks, um im Wald zu überleben“. Die Stimme drang aus dem Unterholz. Es knackte, Ästchen flogen zur Seite, dann stand schwer atmend der dicke Dirk in der Lichtung. Wie vorhin trug er Jeans und T-Shirt. Eine Lederjacke über seiner rechten Schulter, ein Rucksack mit einer Trinkflasche über der Linken.

„Soso“, sagte das Fuchsmännchen. Seine gelben Augen hüpften von Kiki zu Dirk und von Dirk zu Kiki.

„Angeber“, zischte Kiki. Dirk war ihr gefolgt! Trotzdem war sie irgendwie froh, dass er sie unterstützte.

„Soso“, wiederholte das Fuchsmännchen, „ihr habt hier nichts verloren. Menschenkinder dürfen nicht in den Wald der einsamen Stimmen, sie können gar nicht hier her kommen. Sie werden in der Großen Wurzel aufgehalten.“

„Aber wir sind hier“, sagte Kiki leise.

„Wir sind eben ganz besondere Menschenkinder“, setzte Dirk hinzu und grinste.

„Warum?“

„Wir haben, was nur Menschen haben: Grips“, sagte Dirk. Leise zu Kiki fügte er noch hinzu: „Das sagt deine Großmutter immer.“ Kiki wunderte sich. Sie wusste gar nicht, dass Dirk mit Omi redete.

„Was soll das dem Wald bringen?“

„Naja“, Dirk zögerte. „Wer Verstand hat, kann viel mehr erreichen, als wer nur Kraft hat.“

„Wir können zum Beispiel etwas heben, das viel schwerer ist, als wir selber“, fügte Kiki hinzu. Sie überlegte wie sie diesem Wicht beweisen konnte, wie man einen Hebel baute oder einen Flaschenzug. Dann hielt sie inne, so ein Quatsch, das war in diesem Wald bestimmt nicht wichtig.

„Also gut.“ Das Fuchsmännchen strich an den Bäumen entlang. „Nun seid ihr schon mal da. Aber nehmt euch vor den großen dicken Schweineborstenmantelträgern in Acht. Und noch eines: Dies ist der Wald der einsamen Stimmen. Hier ist jeder allein, alles ist erlaubt, ihr dürft nur nicht stören. So ist es und so soll es bleiben.“

...

Leserstimmen:

"Das Buch ist bereits zum Lieblingsbuch meines Enkels geworden. Eine wunderbare und lehrreiche Geschichte, die von Kiki, die einmal Waldflüsterin werden will, erzählt. .."

"Schon der Titel 'Kaliberkipper' ist göttlich, verspricht aber nicht zu viel. Mit viel Fantasie, Spannung und Humor hat die Autorin dieses Buch geschrieben, das sich für Kinder, Jugendliche und junggebliebene Erwachsene eignet."

Montag, 5. März 2012

Haben Regenwürmer Augen? Von Tine Sprandel


Nirgendwo lassen sich ökologische Kreisläufe besser verdeutlichen und beobachten als beim Regenwurm. „Haben Regenwürmer Augen“ ist eine Geschichte über Regenwürmer für Kinder ab 5 Jahren. Ergänzt wird sie von Anregungen zum Weiterforschen und mit der Bauanleitung für ein Regenwurmhaus.

Der Regenwurm Knut zieht los, sich ein besseres Erdreich für seinen Tunnel zu suchen.Er fliegt mit einer Grabgabel durch die Luft und landet im Gemüsebeet. Dort findet er keine Blattreste zum Essen und verzweifelt, bis ihm ein anderer Regenwurm rät, sich ins Blumenbeet zu verziehen. Auf dem Weg dahin verfolgt ihn eine diebische Elster, eine kleine Kinderhand rettet Knut und versenkt ihn unter ein Laubblatt. Endlich hat er Ruhe und kann bauen ..:

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Haben Regenwürmer Augen?


Vorsichtig schob Knut sein Kopfteil nach oben: Da war noch ein Regenwurm. Aber viel dicker und viel länger, das spürte Knut.

„Wo sind wir?“ Er öffnete sein Maul, um mehr von der Umgebung aufnehmen zu können. Eigenartig stumpf roch es hier, Erde verströmte sonst etwas Frisches.

„In einem Gemüsebeet. Gerade hat der Gärtner eine Ladung Torf bekommen, darum riecht es hier wie neu.“

„Fürchterlich! Zum sauer werden. Nur Haare und Fasern!“

Der dicke Regenwurm lachte. „Was hast du denn gedacht, Kleiner! So ist Torf!“ Dann tastete er Knut Ring für Ring ab. „Kannst du überhaupt schon Tunnel bohren?“

„Bisher habe ich in den alten Gängen anderer gelebt. Aber jetzt bin ich unterwegs einen eigenen Tunnel zu bauen,“ antwortete Knut stolz.

Der Dicke schmunzelte. „Bleib dicht neben mir liegen, dann erkläre ich dir, wie du einen Tunnel graben kannst.“

Knut machte es sich neben dem Dicken bequem.

„Also, zuerst musst du wissen, woraus Erde besteht“, begann der ältere Regenwurm. „Willst du `ne gute Mischung um die Wände schön zu tapezieren, musst du Sand, Ton, Lehm und Pflanzenreste ...“

„Wie heißt du?“, unterbrach Knut.

Wieder brach der andere in Gelächter aus. „Regenwürmer haben keine Namen!“

„Ich schon!“, verkündete Knut. „Ich heiße Knut. Habe ich mir ausgedacht.“

„Wir brauchen keine Namen.“

„Jetzt erkläre ich dir mal was“, entgegnete Knut trotzig. „Mein Lieblingsspielzeug im Boden ist Ton. Es gibt viele verschiedene Tonarten. Smektit, Kaolinit, oder so, habe ich gehört. Die Menschen geben allem Namen. Da ist es normal, dass ich auch einen habe.“

Ehe der Dicke antworteten konnte, sauste ein wuchtiger Spaten neben Knut nieder, fast hackte er ihm zwanzig Körperringe weg. Zum Glück nur fast.

„Au!“ schrie er. „Schuftbacke, Gemeiner, was war das für ein Spaten feuernder Drache!“

Der Dicke ringelte sich blitzschnell ein und grummelte. „Immer wieder muss man das aushalten. Die Menschen denken, Regenwürmer kennen keinen Schmerz! Wenn die wüssten, wie schwer es ist, all die Ringe zu erneuern.“

„Ich mag nicht mehr. Ich muss hier weg!“, schrie Knut.

„Du kannst froh sein, dass es dich nicht erwischt hat. Es ist mühsam ohne Hinterteil weiter zuleben. Aber dein Kopf mit dem Oberschlundganglion ist noch ganz.“

„Was nützt mir das Oberschlunddingsda, wenn mir doch alles wehtut?“

„Du bist noch jung, du kannst ja woanders hin!“

„Gehst du mit?“ fragte Knut und testete die Beweglichkeit seiner Borstenhaare an den Körperringen.

(...)


Leserstimme:

„Diesmal kein Eisbär, der Knut heißt. Nein, ein Regenwurm namens Knut. Der ist so entzückend, dass man ich gleich ans Herz drücken möchte. Dabei kann ich diese Kriechlinge ja nicht wirklich leiden. Knut aber schon! Serh anschaulich, sehr kindegerecht und mit toller Anleitung nach der Geschichte. Daumen hoch für Tine Sprandel!“