Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Dienstag, 24. Januar 2017

Die Jäger vom Zaubersee von Wilfried Stütze



 
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Das Vermächtnis des Häuptlings Bärentatze.

Es war ein regenreicher Tag vor dreihundertzwanzigtausend Jahren. Häuptling Bärentatze und sein Bruder der Schamane hatten es, unter fast unmenschlichen Anstrengungen, gerade noch bis zur Quelle geschafft. Der Häuptling wusste, dass er nicht nur den Kampf mit dem ungewöhnlich bulligen Hengst verloren hatte. Noch bevor die Götter das dunkle Netz am Himmel gespannt haben würden und der Mond aufgegangen sein wäre, würde er seine letzte Reise zu der Mutter allen Seins antreten.
Erfahrungen unzähliger Jagdausflüge hatten ihn das Verhalten der Pferde gelehrt. Er konnte den Weg der Herde vom großen Fluss kommend, durch das von hohem Gras bewachsene Löwenland, am Elefantenfriedhof vorbei bis in die hügeligen, bewaldeten Gebiete des kleinen Mondgebirges und schließlich zur Wasserstelle genau vor seinem geistigen Auge sehen. Dann folgte das immer gleiche Ritual: Der Leithengst als erfahrener Anführer lief ein gutes Stück vor der Herde. Nicht weit von dem See entfernt stoppte die Gruppe wie von geheimer Hand gesteuert. Der bullige Hengst trabte dann allein den Weg bis fast zum See, tänzelte auf der Stelle, schnaubte mit den Nüstern und erkundete, ob Gefahr für seine Herde droht. War die Luft rein, trabte er gelassen in stolzer Haltung und mit wehender Mähne zurück, um souverän seine fünfundzwanzig Pferde zählende Herde im Galopp unter dem donnernden Getöse der Hufe zum See zu führen.
Der Schamane, obwohl unverletzt, war völlig erschöpft. Sein Bruder hatte viel Blut verloren, sodass er ihn fast tragen musste. Der Hengst hatte ihn mit seinen Vorderhufen am Kopf getroffen und eine mächtige Wunde an der Stirn hinterlassen. Sie hatten ihm auflauern und genau an der Stelle erlegen wollen, an der er immer die Herde stoppte und sich anschickte, allein die Lage zu erkunden. Nur wenige Meter von dem Pferd entfernt hatten sie sich in das Gras geduckt. Urplötzlich, von einem Moment auf den anderen, jagte der Hengst auf die Brüder zu und ging sofort zum Angriff über. Jeder der Männer konnte nur noch halbherzig einen Speer werfen. Die Wirkung war gering. Als Bärentatze am Boden lag und offensichtlich auch vom Schamanen keine Gefahr mehr ausging, kehrte das Pferd zu seiner Herde zurück.
Diese Geschichte sollte noch lange an den Feuern erzählt werden. Vor allem, weil der stolze, bullige Hengst seine Herde doch tatsächlich, als sei nichts gewesen, zur Wasserstelle geführt hatte.

Immer noch schwer atmend musste der Schamane seine Frage endlich loswerden. „Warum wolltest Du unbedingt zur Quelle Bruder? Der Weg zum See wäre näher gewesen, um deine Wunde zu säubern. Und warum auch noch weiter auf die Kuppe des Hügels?“ Der Häuptling blickte still in die Landschaft. Er spürte sie mehr, als dass er sie sah. Das Blut und damit sein Leben floss langsam und unaufhörlich aus ihm heraus. Hier, von diesem Hügel, gleich oberhalb der Quelle, konnte man weit ins Land schauen. Er war es, der vor vielen Monden diesen Ort entdeckt und als festes Winterlager vorgeschlagen hatte.
Vor seinem geistigen Auge tauchte das Lager auf. Die Quelle mit ihrem ständig sprudelnden, perlenden Wasser, das sie in einen kleinen Bach abgab, der schließlich weiter unten im Tal den Zaubersee speiste. Der dichte Tabuwald mit seinen Rätseln kam ihm in den Sinn. Er sah die bläulich schimmernden Berge, das große Mondgebirge genannt. Er ahnte hinter sich das kleine Mondgebirge mit seinen Laubbäumen, die im Herbst von Gelbbraun bis Feuerrot schimmerten. Und er sah von seinem Platz auf dem Hügel weit in die nur mit wenigen Bäumen bewachsene Steppenlandschaft.
„Lass meinen Körper hier an diesem Platz. Meine Seele braucht ihn nicht für die Reise.“
Das hatte es noch nie gegeben, ging es dem Schamanen durch den Kopf. Starb jemand während der großen Sommerwanderung oder der Jagd, blieb er an Ort und Stelle liegen und man überließ ihn den Göttern der Tiere.
„Häufe Steine über meinen Körper und lass den Stamm Erde darüber schichten. Hier an dieser Stelle habe ich viele Monde lang das Vermächtnis der Ahnen bewahrt. Hier soll unser Stamm sich in Zukunft versammeln, wenn es wichtige Entscheidungen zu treffen gibt. Damit er sich immer an das Vermächtnis erinnert. Kannst Du mir das versprechen, Schamane?“
„Ich verspreche es. Aber was ist dieses Vermächtnis, von dem ich als Schamane des Stammes nichts weiß?“
„Es gibt nicht die ganze Lösung her, die das Überleben des Stammes sichern könnte. Auch ich habe die ganze Wahrheit nicht gefunden. Vielleicht findet sie Bärenjäger.“
„Bärenjäger?“
„Ja, mein Sohn schafft es vielleicht, wenn er eines Tages Häuptling unseres Stammes vom Zaubersee ist.“
„Er ist zu jung, um Häuptling zu werden. Ich vermute, der Stamm wird sich für Wisent entscheiden.“
„So wird es kommen, aber die Götter haben Großes mit ihm vor. Ich spüre das. Zunächst prüfe ihn, und nur wenn er die vier Prüfungen besteht, soll er den Stamm anführen. Versprichst du es mir bei den Göttern?“
„Ich verspreche es bei den Göttern.“
Der Häuptling lehnte mit dem Rücken an einem etwa mannshohen Felsen, der Einzige auf der baumlosen Kuppe. Der Stein war gerade breit genug, um eine brauchbare Rückenlehne abzugeben. Hier hatte er oft gesessen und über die Zukunft seines Stammes nachgedacht.
„Jetzt aber grabe direkt hinter dem Felsen und bring mir, was du findest.“
Bärentatze krümmte sich vor Schmerz, während der Schamane versuchte, mit seinem Wurfstock ein Loch in die Erde zu bekommen. Erst jetzt nahm er wahr, dass es schon den ganzen Tag regnete. Mühsam brachte er schließlich ein Fellbündel zum Vorschein. Er wollte alles dem Häuptling, der sich wieder aufgerichtet hatte, übergeben.
„Nein, wickele Du es aus“, stöhnte der.
Heraus kam eine wunderschöne Figur von der Größe eines Faustkeils aus Elfenbein. Sie stellte einen Elefanten dar.
„Wer kann denn so etwas erschaffen?“
Der Schamane war völlig durcheinander. Noch nie hatte er eine solch schöne Figur gesehen.
„Unser junger Steinschläger, der auch immer wieder gute Speere fertigt, der bringt so manches zustande. Er ist sehr geschickt. Aber so etwas! Es muss ein großer Künstler gewesen sein.“
„Ja, mein Vater sagte mir, es war der Vater seines Vaters.“
Häuptling Bärentatze fiel das Sprechen immer schwerer. Das Blut rann ihm unaufhaltsam über das Gesicht.
„Wir sind ursprünglich der Stamm der Elefanten, wie du weißt … ein heiliger Stamm … unsere Geschichte, die Geschichte der Götter. Wir dürfen uns erst wieder so nennen, wenn einer von uns einem Elefanten das Leben gerettet hat. Versteck die Figur in einer Höhle im kleinen Mondgebirge, bis du sie einem von unserem Stamm übergeben kannst. Ich hoffe, es wird mein Sohn … Bärenjäger sein. Und sprich mit der alten weisen Frau. Sie muss alles erfahren, hörst du?“
Häuptling Bärentatze stöhnte und legte sich flach auf die Erde. Zum Sitzen fehlte ihm inzwischen die Kraft. Sein Gesicht war unter dem Blut ganz weiß geworden.
„Sieh dir auch das Stück Holz an, Bruder. Es soll einen Speer darstellen.“
Die Stimme des Häuptlings wurde immer leiser. Der Schamane nahm erst jetzt den zweiten Gegenstand, den er aus dem Fell gewickelt hatte, richtig zur Kenntnis. Er war sehr hart und etwa so lang wie sein Unterarm. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass dieses Holz schon sehr alt sein musste, und es war offenbar immer noch brauchbar.
„Wie haben unsere Ahnen das gemacht?“
„Beug dich zu mir runter. Ich erzähle Dir jetzt alles was ich weiß, von der Elefantenfigur, dem kleinen Speer aus Holz und den Prüfungen für Bärenjäger.“

Als der Schamane sich erhob, hatte der Häuptling Bärentatze seine Reise zu der Mutter allen Seins bereits angetreten und der aufziehende Sturm hatte seine Worte mitgenommen.
Nach dem die Steine aufgeschichtet waren, sprach der Schamane: „Deine Feinde werden immer weiter über die Erde wandern müssen, bis sie getötet werden. Du aber wirst zu der großen Herde stoßen und eines Tages mit ihnen zusammen die Erde tragen. Dein Geist wird unter Deinesgleichen auf dem Elefantenfriedhof ruhen, wie es dir gebührt. Und alle vorbeiziehenden Elefanten werden dir die Ehre erweisen.“

Autorenbiografie:

Wilfried Stütze wurde 1950 in Braunschweig geboren. Im Hauptberuf war er Kaufmann, auch Zeitsoldat, zuletzt Unternehmensberater für betriebliche Altersversorgung.
Gelegentlich ist er als Weltenbummler unterwegs. Zuletzt bereiste er mit seiner Frau Laos, Myanmar und Vietnam. Als Italienliebhaber, Bergwanderer und ehemaliger Sportflieger widmet er sich seit 2007 seiner lebenslangen Leidenschaft – dem Schreiben.

Persönliches:

Noch heute bewahre ich mein erstes Buch auf.“Der kleine Heinz hat viel zu tun“ heißt es. Es folgten natürlich Bücher von Karl May, Gerstäcker, dann endlich Hemingway, Thomas Mann, Joseph Conrad, Maugham, um nur einige zu nennen. Alles großartige Erzähler. Sind wir nicht alle durch unsere Schriftsteller irgendwie geprägt worden? Schreiber und Leser?
Der Wunsch es selbst einmal mit dem Schreiben zu versuchen war schon früh in mir. Naja, es ist wohl einfach die Lust am Erzählen, die mich treibt.
So habe ich 1987 den ersten kleinen Text für meine Kinder aufgeschrieben. 1993 versuchte ich mich an der ersten Kurzgeschichte – nur so für mich. Inzwischen konnte ich eine Reihe von Kurzgeschichten und zwei regionalgeschichtliche Bücher veröffentlichen.
Wenn es mir gelungen sein sollte, mit dem aktuellen Abenteuerroman „Die Jäger vom Zaubersee“ eine spannende, mitreißende Geschichte zu erzählen, wäre mein Wunsch in Erfüllung gegangen – Geschichtenerzähler zu sein.
Ich möchte einfach nur ein Geschichtenerzähler sein.

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