Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren
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Freitag, 24. Juli 2015

„Das Wunderwasser“ von René Deter


Klappentext:


Der vorliegende Band enthält 22 Märchen und Geschichten, die im mythischen Harz spielen. Dabei greift der Autor Motive der Harzer Sagenwelt auf und adaptiert sie in seinen Texten. Aber auch neue Stoffe lässt er in seine Werke einfließen

Folgen Sie dem Autor in eine wundersame Welt und lassen Sie sich von den vielfältigen Märchen und Geschichten einfach begeistern!

Eine kleine Auswahl dessen, was Sie erwartet::
- Auf der Suche nach einem Wunderwasser erlebt ein Mann eine besondere Überraschung.
- Ein Wanderer erfährt vom Wind, warum jener auf dem Blocksberg sehr wichtig ist.
- Ein junges Mädchen begegnet der grauenhaften Hexenkatze.
- Ein Jäger erlebt eine große Überraschung, als er auf einen sprechenden Luchs trifft.
- Ein Kräuterweiblein beschwört den Zorn des Himmel, als es durch die hochmütigen Bewohner eines Schlosses abgewiesen wird.
- Ein kleines Mädchen erhält wundersame Hilfe, als es in einem Moor zu versinken droht.

Der Autor wünscht Ihnen viel Freude beim Lesen des vorliegenden Buches.
Erhältlich bei Amazon, sowie in allen anderen bekannten Ebookshops

  
Der König der Luchse

In alter Zeit, als es noch viele Luchse im Harz gab, da wurden die edlen Tiere häufig gejagt, um als Trophäen das Herz manch edlem Herren zu erfreuen.
Eines Tages war dann auch Jäger Bertram im Auftrag seines Herren, einem reichen Grafen, unterwegs, um einen Luchs für jenen zu erlegen. Das Fell sollte das Arbeitszimmer des Herrn einen würdigen Glanz verleihen und die Gäste beeindrucken, wenn man dort wichtige Angelegenheiten besprach.
Nun, eigentlich war es dem Jäger egal, was mit dem geschossenen Tier passiert. Er würde davon rein nichts haben. Sein Lohn war karg und auch nicht mit dem Erlegen eines Luchses konnte er steigen. Da war der Graf sehr eigen.
Eigentlich verabscheute Jäger Bertram aber die ausufernde Jagd auf die Luchse. Deren Bestand hatte sich in den vergangenen Jahren deutlich vermindert, was er als Waidmann nicht gutheißen konnte. Aber es galt, den Befehlen seines Herrn zu gehorchen. Sonst würde man wohl die längste Zeit dessen Jäger sein und müsste fortan mit seiner Familie am Hungertuch nagen. Es gab genug weitere Jäger, die nur zu gerne diese Arbeit ausüben würden.
Wenn der Lohn auch eher karg war, so lebte Bertram davon noch besser als viele andere im Lande. Es musste nicht sein, dass seine Familie und er die Nächsten waren, die zu den Ärmsten der Armen zählen. Die goldenen Zeiten waren längst vorbei und jeder musste sehen, wie er mit der Situation klar kam.
So machte er sich mit den düsteren Gedanken um seine Zukunft auf die Pirsch. Das Wetter war gut und versprach, angenehm zu bleiben. So würde Jäger Bertram zumindest nicht nass werden und auch nicht schwitzen oder frieren. Es war optimales Jagdwetter. Selten genug in den Weiten des Harzes!
Natürlich war dieses Wetter kein Garant, auch wirklich einen Luchs aufzuspüren und zu erlegen. Aber es machte die Sache ein wenig einfacher.
Er hatte von einem Wanderer einen Hinweis bekommen, wo er eventuell einen Luchs finden könnte, aber ob auf diesen Tipp Verlass war, das stand woanders geschrieben. Ihm war schon so vieles erzählt worden, was sich dann als unsinnig herausstellte. Darauf konnte man als Jäger nur selten zählen. Das Wild hatte einen durchaus eigenen Kopf und richtete sich nicht danach, was die Menschen einander erzählten.
Der Wanderer mochte ihn gesehen haben, doch das bedeutete nicht, dass sich das Tier noch immer dort befand.

Eine ganze Weile war Jäger Bertram mittlerweile im Revier des Grafen unterwegs, doch er hatte bisher weder einen Luchs selbst noch dessen Spuren auffinden können. Auch dieses Mal hatte sich der Hinweis als falsch herausgestellt. Er hatte es nicht anders erwartet.
Er wusste nicht, ob er fluchen oder sich freuen sollte. Ihm war es eigentlich ganz recht, denn einen Luchs schoss er nur sehr ungern. Viel zu selten war die Katzenart mittlerweile aufzufinden. Zudem sahen die Luchse mit ihren Pinselohren einfach majestätisch aus, waren ein Stück weit die Könige der Harzer Wälder.
Doch genau dieser Umstand führte auch zu dem Verhängnis, gejagt zu werden, um sich mit dem Fell zu schmücken. Nicht jeder Herr war eine Majestät, aber trotzdem wollte er sich wie eine solche führen.
Nach dem Misserfolg bezüglich des Tipps suchte er nach und nach weitere Stellen ab, auf denen sich die Tiere aufhalten konnten. Aber auch dort war ihm kein Erfolg beschert. Es gab einfach viel zu wenige Tiere. Diese hielten sich im Gebirge gut versteckt.

Als Bertram fast schon die Jagd für dieses Mal aufgeben wollte, hörte er plötzlich ein Rascheln, das ihm verdächtig vorkam. War das nicht...
Er sollte sich nicht täuschen, denn tatsächlich erschien ein großes Tier vor seinen Augen.
Ein Luchs! Der prachtvollste Luchs, den er je gesehen hatte.
Alles an dem Tier wirkte majestätisch. Seine Fellzeichnung, die Ohren mit den Pinseln, ja die ganze Gestalt hatte etwas Erhabenes. Es gab nichts Schöneres!
Er wollte sein Gewehr zücken, um auf das Tier anzulegen. Doch irgendetwas tief in seinem Inneren hinderte Jäger Bertram daran, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dieses Tier durfte er nicht schießen, auch wenn es genau das Richtige für den Grafen wäre. Es hatte etwas Besonderes an sich.
Im nächsten Moment drehte das prachtvolle Tier dem Jäger seinen Kopf zu und schien ihn direkt anzustarren. Die Augen fixierten Bertram in ihren Blicken. Aber konnte das wirklich sein?
Der Jäger fühlte sich unsicher. Diesem Luchs schien etwas Besonderes inne zu wohnen. Sein erster Gefühl hatte ihn nicht getäuscht.
Da hörte er auf einmal eine tiefe Stimme, die vom Luchs herzukommen schien. Er schien mit ihm sprechen zu wollen.
Bertram schreckte auf. Es kam völlig unerwartet für ihn. Bisher hatte noch nie ein Tier mit ihm gesprochen. Oder täuschten ihn da seine Ohren? Auch wenn er einfacher Mann war, so wusste er, dass Tiere nicht sprechen konnten.
Zwar gab es alte Legenden und Weissagungen, die von sprechenden Tieren redeten, aber es selbst zu erleben, das war etwas völlig anderes. Das war keine alte Geschichte, sondern die Wirklichkeit, der er sich nun unerwarteterweise stellen musste.
Die Situation wurde ihm unheimlich und er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Doch dann sprach erneut die Stimme. Jäger Bertram konnte sie nun eindeutig dem majestätischen Luchs zuordnen.
Du hast wohl daran getan, nicht auf mich zu schießen“, meinte das Tier. „Ich weiß von der Leidenschaft eurer Herren, uns zu präsentieren. Zu viele meiner Art mussten schon ihr Leben lassen. Aber sei dir gesagt: Wenn ich sterbe, dann sterben auch alle anderen Luchse des Harzes und niemand wird uns jemals mehr hier sehen können.“
Die Stimme hielt inne und der Jäger war noch mehr geschockt In was für eine seltsame Geschichte war er da nur hinein geraten?.
Indirekt sprach ihm das Tier aus der Seele, denn er mochte es nicht, dass die Luchse so stark beschossen wurden. Auch wenn er Jäger war und seinem Herrn gehorchen musste, konnte er das wahllose Töten nicht gutheißen. Es widersprach jeder Jagdregel und galt oftmals lediglich der puren Lust am Töten und dem Aufstellen sinnloser Jagdtrophäen.
Als Jäger musste man auch ein Freund der Natur sein. Mochten die Luchse auch ab und zu Schaden in den Wildbeständen verursachen, der Mensch verursachte ungleich mehr. Dessen war er sich in den vergangenen Jahren immer bewusster geworden.
Dann sprach die Stimme weiter.
„Weiser Jäger, ich bin der König der Luchse des gesamten Harzgebirges und danke dir für deine Gnade!“
Das machte den Jäger sprachlos.
Hatte er als Jäger überhaupt Dank verdient, wenngleich er diesen Luchs auch nicht geschossen hatte? So recht mochte er sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Trotzdem war es aus der Sicht des Luchses so.
Die Stimme verstummte mit diesen Worten und der Luchs entschwand ohne ein weiteres Wort im Unterholz.
So schnell, wie er vor dem Jäger aufgetaucht war, hatte er auch wieder das Weite gesucht.
Jäger Bertram rieb sich unterdessen ungläubig die Augen. Hatte er eben gerade wirklich einen sprechenden Luchs gesehen?
Kaum jemand würde ihm diese Geschichte abnehmen. Ein sprechender Luchs war schon etwas Außergewöhnliches und in den Gedanken der Menschen nicht vorgesehen.
Im Moment würde Jäger Bertram keinen weiteren Luchs mehr finden. Im Prinzip war er sogar froh darüber. Das Tier, dieser König aller Luchse des Harzes, hatte ihn sehr beeindruckt.
Der Graf würde es mit Sicherheit nicht verstehen. Daran hatte Bertram Kaum einen Zweifel. Für den Grafen zählte die Trophäe und sonst nichts. Da war es egal, ob das Tier selten war oder nicht. Ganz im Gegenteil. Je seltener die Trophäe war, umso wertvoller mutete sie im Auge des Betrachters an.
Wenig später beendete der Jäger dann endgültig seinen Pirschgang. Dem Grafen berichtete er, keinen Luchs gefunden zu haben. Das stimmte jenen nicht gerade froh, da er sich fest auf den Erfolg seines Jägers verlassen hatte. Aber er nahm es insgesamt doch recht gelassen  hin und hoffte, dass dem Jäger in Zukunft mehr Jagdglück bezüglich dieser Sache beschieden war.

Jäger Bertram schoss nie in seinem Leben einen Luchs. Zu mahnend hatten die Worte des Königs der Luchse geklungen, zu sehr lag ihm der Fortbestand der Katzenart im Harz am Herzen.
Doch irgendwann musste doch ein Waidmann den König der Luchse erlegt und die Weissagung in Erfüllung gebracht haben.
Die Luchse verschwanden aus dem Harz und erst in jüngster Zeit wurden wieder welche gesichtet.
Der Mensch, der sie bejagt hatte, hat sie zurück in den Harz gebracht. Und wenn man Glück hat, dann findet man ihre Spuren in den Harzer Wäldern oder bekommt die scheuen Tiere sogar einmal zu Gesicht. Mag den Tieren das Glück für lange Zeit beschieden sein.



René Deter wurde 1974 im mecklenburgischen Städtchen Grevesmühlen geboren und lebt heute im nördlichen Teil des Biosphärenreservats Schaalsee, ca 20 km von der alten Hansestadt Lübeck entfernt. Schon früh entdeckte er die Liebe zum Lesen und Schreiben. Zunächst waren es Gedichte, bald darauf folgten auch Märchen, Kurzgeschichten und längere Erzählungen und kurze Romane. Diese Liebe hat ihn bis heute nicht losgelassen. Dabei bewegt er sich in ganz unterschiedlichen Genres, vorwiegend im fantastischen Bereich. Aber auch die Lyrik gehört zu seinem Metier.
Inspiration für seine Geschichten und Gedichte findet der Autor u. a. in der Natur seiner Heimat, aber auch im Urlaub oder durch besondere Ereignisse, die ihn bewegt haben.Natürlich gibt ihm das Leben in allen seinen Facetten Stoffe zum Erzählen.

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Freitag, 3. Juli 2015

„Der Sänger“ von René Deter



Klappentext:

Die Welt der Märchen ist eine ganz besondere. Seit Jahrhunderten begeistern sich Menschen für zauberhafte Geschichten. 

Der Autor des vorliegenden Buches erzählt in 11 liebevollen Märchen über verwunschene Drachen, bösen und guten Zauberern, Menschen mit besonderen Begabungen, hilfreichen Zwergen, Geistern und Feen und zauberhaften Begegnungen. 

Lassen Sie sich in das Reich der Fantasie entführen und genießen Sie die vorliegenden Märchen. Oder lesen Sie Ihren Kindern und Enkel aus dem Buch vor. Es wird sie begeistern ... 

Erhältlich als Taschenbuch bei Amazon und beim Verlag. Ebenso das Ebook, es ist aber auch in allen anderen bekannten Ebookshops verfügbar.



Leseprobe:

Vom kleinen Franz  (ein komplettes Märchen aus dem Buch)

Es lebte einmal am Rande eines finsteren Gebirges eine arme Familie. Der Vater verdingte sich mehr schlecht als recht als Holzknecht, die Mutter wusch die Wäsche anderer Leute. Und da war da noch ihr Bübchen Franz, dass seinen Eltern half, wo immer er es mit seinen noch ganz jungen Jahren nur konnte.
Er war trotz der schweren Verhältnisse ein rechter Sonnenschein und sah immer nur das Gute und Positive, doch nur selten konnte er Vater und Mutter ob des harten Loses aufmuntern.
Meist kümmerte sich Franz darum, dass genug Reisig für das Feuer in der Hütte da war, denn das konnte er mit seinen kleinen Händen gut tragen, da es nicht zu schwer war.
So kam die arme Familie durch das Leben. Jeder hatte seine Aufgabe und sorgte dafür, dass ihr kleines Familienglück trotz aller Widrigkeiten erhalten blieb.

***

Es war wieder Winter und darum umso wichtiger, genügend Holz und Reisig für das Feuer zu haben. Franz strengte es sehr an, durch den recht tiefen Schnee zu stapfen und im Wald des Gebirges nach Reisig zu suchen. Doch es war nun einmal seine Aufgabe und er wollte Vater und Mutter nicht enttäuschen.
Aber dieses Mal lag so viel Schnee, dass er sämtliches Reisig überdeckt hatte. Nur in den tiefsten Wäldern würde weniger Schnee zwischen den Bäumen liegen, um Reisig zu finden.
Deshalb wagte sich Franz viel weiter in den finsteren Wald des Gebirges hinein als je zuvor. Schließlich wurde das Holz dringend gebraucht. Er suchte und suchte, fand jedoch kaum etwas. Es war zum Verzweifeln. Franz war den Tränen nah.
So konnte er doch nicht unter die Augen seiner Eltern treten. Nur ein ganz mageres Büschel hatte er zusammensammeln können. Das reichte kaum für einen halben Tag.
Aber was sollte er machen? Es war einfach nichts zu finden.
In dem Moment fing ein schweres Schneegestöber an und nahm dem kleinen Junge jede Sicht. Zudem verwische der neue Schnee immer mehr die Spuren, die er hinterlassen hatte.
Und es kam, dass Franz den Weg verlor und sich im dunklen Wald des Gebirges verirrte.
Da setzte er sich an einen Baum und fing an zu weinen.
„Was soll nun werden, was soll nun werden.“ Er hatte alle Hoffnung verloren.
Immer wieder sagte er das Gleiche und wurde dabei durch den fallenden Schnee, die Kälte der Luft und des Bodens, die langsam in ihn hinein kroch, schwächer und schwächer.
Den kleinen starken Franz, der so fleißig war, schien das Leben zu verlassen. Schließlich hörten die Worte auf und er sackte in sich zusammen.
Als er schon fast in den Tode hinüber gedämmert war, da packten den Jungen auf einmal zwar kurze, aber starke Arme und trugen ihn davon. Der Junge bekam es jedoch nicht mehr mit.

***

Was war das?
Als Franz erwachte, lag er auf bequemen Fellen und es war pummelig warm.
Aber, wie konnte das sein? Eben noch war er draußen im kalten Winterwald auf der Suche nach Reisig und nun lag er so bequem, wie es nicht einmal zuhause war.
Franz öffnete die Augen und erblickte Wände aus Stein, die von Fackeln beleuchtet waren.
Wo war er denn nur? Das war doch kein menschliches Haus, schon gar nicht die elterliche Hütte.
Er drehte sich zur Seite und blickte in das Gesicht einer gütlich dreinschauenden, aber recht klein geratenen Frau.
„Oh, unserer kleiner Junge erwacht“, stellte jene fest.
„Ein Wunder, ein Wunder ist es es, dass er noch lebt“, hörte er anschließend eine tiefere Stimme. „Aber deine Pflege ist ja auch immer herzallerliebst, Weib.“
Da trat ein ebenso kleiner Mann neben die Frau.
„Bloß gut, dass ihr ihn noch gerade rechtzeitig gefunden habt. Bei diesem Wetter sollte niemand draußen sein, schon gar nicht ein kleiner Junge.“
„Weib, du hast wie immer recht.“
Die Frau lächelte ihn an, dann wandte sie sich an Franz: „Nun, wie geht es dir denn, mein kleiner Junge? Mein Mann Erichfried und sein Bruder Theobaldus haben dich gerade noch rechtzeitig aus der kalten Umklammerung des ewigen Schlafes erretten können. Und ich bin übrigens Friederike.“
Franz wusste gar nicht, was er sagen sollte, doch dann entschied er sich dafür, die volle Wahrheit zu sagen. Was hatte er schon zu verlieren. Seine Mutter hatte ihm immer dazu erzogen, geradeheraus die Wahrheit zu sagen, wenn er etwas gefragt wurde.
„Ich bin Franz. Mein Vater ist ein armer Holzknecht und meine Mutter wäscht für andere Leute die Wäsche. Meine Aufgabe ist es jedoch, dass Reisig für das Feuer zu sammeln. Doch dieses Jahr gibt es so viel Schnee, da fand ich kein Reisig und hoffte, im dunklen Wald des Gebirges mehr zu finden. Doch auch da gab es nichts. Und als ich schließlich mit meiner mageren Ausbeute  beschämt den Rückweg antreten wollte, da fing es an zu schneien und ich verlief mich im Wald.“
„Oh ja und da bist du dann fast gestorben. Aber mein Mann und sein Bruder fanden dich gerade noch rechtzeitig und haben dich hierher in die sicheren Gefilde der Welt unter den Bergen gebracht.“
Franz nickte.
„Aber wer seid ihr? Ihr seid ja so klein, Frau Friederike. Und auch euer Mann Theobaldus ist nicht sehr groß.“
Er schaute sie mit großen Augen an.
„Ich verstehe deine Frage gut, Franz. Du hast ganz recht erkannt, dass wir keine Menschen sein können. - Doch vorher lass dir sagen, dass du uns mit Friederike und Theobaldus ansprechen kannst und natürlich mit Du. Das ist unter uns so üblich. Verstanden?“
Franz nickte.
„Nun gut, du fragst, was wir sind. Vielleicht haben dir deine Eltern schon mal davon erzählt, aber wir sind tatsächlich Zwerge und wir bevölkern unentdeckt von den Menschen das ganze Gebirge mit dem dunklen Wald, wobei wir in großen unterirdischen Höhlen wie diese leben.“
Nun war es am Jungen zu staunen. Ihre Mutter hatte zwar mal von den Zwergen erzählt. Aber das waren Märchen. Und nun, nun war er bei Zwergen zu Gast. Zwergen, die ihm sein Leben gerettet hatten.
„Aber Zwerge, die gibt es doch gar nicht!“, platze es schließlich aus dem Jungen hervor.
„Na na, sind wir denn nichts?“ Friederike blieb ganz ruhig, denn sie wusste darum, dass die Zwerge für die Menschen ins Reich der Träume gehörten.
„Es fällt mir schwer, daran zu glauben, Friederike.“
„Aber wer sollte es denn, wenn nicht du, mein kleiner Junge. In deinem Herzen ist noch Platz für das Magische dieser Welt. Denke immer daran, denn du wirst es schnell genug verlieren. Und nun schlafe, mein Kind, es wird dir gut tun.“
Franz nickte erneut. Er war müde und das Lager sehr bequem.
Friederikes Mann mischte sich nicht ein. Er war nur froh, dass das Kind lebte. Auch wenn es ein Menschenkind war, so konnte er nicht sehen, wenn Kinder litten und gar starben. Das war tief in ihm verwurzelt. Er mochte zwar zuweilen poltern und eine gewisse Rauigkeit aufweisen, aber im Inneren war er ein zutiefst fried- und liebevoller Zwerg.
Franz drehte sich zur Seite und nur Momente später war er dann eingeschlafen.
„Wir sollten auch zu Bett gehen“, meinte schließlich Friederike zu ihrem Mann. „Der Junge braucht uns morgen, denn schließlich liegt es an uns, ihn wieder an seine liebenden Eltern zu übergeben.“
Ein wenig Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit, denn am liebsten hätte sie den kleinen Franz dabehalten und als ihr eigenes Kind angenommen. Doch das ging nicht, denn Menschen wurden einfach zu groß und zudem besaß er Eltern, die ihn sicher sehr vermissten. Sie hoffte nur, dass sie an seine Kraft glaubten und nicht aufgaben. Denn, wenn der Junge eine Sache besaß, dann war es ein fester Wille und viel Kraft.
„Hm. Ich werde mich persönlich darum kümmern, den Jungen wieder zurück zu seinen Eltern zu bringen“, brachte sie Erichfried aus ihren Überlegungen heraus. „Das ist sehr großzügig von dir, mein herzallerliebster Mann.“
„Du weißt doch: Raue Schale, weicher Kern.“
Da mussten sie beide lächeln und gaben sich einen tiefen Kuss, denn wie auch bei den Menschen zeugte ein Kuss von tiefer Liebe und Zuneigung zueinander. Danach begaben sie sich ins Bett, wobei sie doch das Feuer noch einmal kontrollierten. Aber es war alles in Ordnung.

***

Am nächsten Morgen erwachten sie lange vor dem Jungen, den Zwerge brauchten viel weniger Schlaf als Menschen.
Friederike bereitete ein schmackhaftes Frühstück zu und ihr Mann bereitete alles vor für die Rückbringung des Jungen zu seinen Eltern.
Sie waren kaum fertig, da erwachte auch schon Franz.
„Guten Morgen, Franz.“ Die Zwergin lächelte den Jungen freundlich an. „Hast du gut geschlafen?“
„Guten Morgen, Friederike. Ganz herrlich. Alles war richtig bequem, aber zu Hause ist es doch am besten.“
„Das ist wohl wahr, mein Junge. Drum wird dich heute mein Mann zurück zu deinen Eltern bringen.“
„Das macht er? Aber ich habe mich doch verlaufen und er weiß doch gar nicht, wo ich wohne.“
„Sei ganz unbesorgt. Wir Zwerge haben da so unsere kleinen Geheimnisse.“ Sie machte eine kurze Pause. „Doch nun musst du dich erst einmal stärken. Das Frühstück ist fertig.“
Franz stieg von seinem bequemen Lager auf. Zunächst waren seine Beine noch etwas wackelig, dann jedoch ging es wieder genauso gut wie immer.
Bei seinem Bett stand ein kleines Schüsselchen mit frischem Wasser. Franz benutzte es und wusch sich Gesicht und Hände. Dann begab er sich zum Tisch, wo die die Zwerge bereits auf ihn warteten.
„Greif nur zu. Es wird dir gut tun, Franz.“
Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen, denn sein Bauch verriet ihm deutlich, dass er Hunger hatte. Es duftete vorzüglich, was die Zwergin zubereitet hatte und schmeckte noch viel besser.
So reichlich und gut hatte er schon lange nicht mehr gegessen.

Als sie fertig waren, machte sich Erichfried bemerkbar. „Und nun ist es an der Zeit, dich wieder zurück zu deinen Eltern zu bringen.“
„Oh ja, lieber Erichfried. So schön es hier bei dir und Friederike ist, vermisse ich sie doch sehr.“
„Das ist dein gutes Recht, Franz“, mischte sich Friederike ein. „Jedes Kind sollte sich nach seinen Eltern sehnen, den einen liebenden Vater und eine liebende Mutter sind das Schönste, was es gibt. Das darfst du nicht vergessen.“
„Ja, Friederike. Ich werde es in meinem Kopf behalten.“
„Und nun, Franz“, mischte sich wieder Erichfried ein, beschreibe mir ein wenig die Umgebung eurer Hütte, damit ich dich sicher hinleiten kann.“
Der Junge machte es und schnell war sich der Zwerg darüber klar, welchen Weg sie einschlagen mussten. Er kannte sich wie alle Zwerge sehr gut aus und konnte  sich auf seine Sinne verlassen. Das Gute daran war, dass sie zunächst einen Teil unterirdisch zurücklegen konnten. So brauchten sie nicht frieren und durch den schweren Schnee stapfen, der der nachts gefallen war.
„Ich weiß, wie wir gehen müssen“, sagte schließlich zu Franz. „Du hast mir sehr schön beschrieben, wo du wohnst. Es ist ein weiter Weg, aber bis Mittag solltest du zu Hause sein.“
Da strahlte Franz über das ganze Gesicht. Auch, wenn er keinen Reisig hatte, so würde er doch wieder bei Mutter und Vater sein. Das war, wie ihn sein Erlebnis offenbarte, ungleich mehr wert.
Er verabschiedete sich herzlich von Friederike, die ihn wie ein eigenes Kind an die Zwergenbrust drückte, dann machten sie sich auf den Weg.

Der Zwerg führte den Knaben durch unzählige dunkle Gänge, die mal etwas bergauf, dann wieder bergab liefen. Der Junge staute, wie weit verzweigt das unterirdische Reich war und wie zielsicher Erichfried darin bewegte. Franz selbst hätte, das musste er sich eingestehen, schon längst den Weg verloren. Aber er war ja auch kein Zwerg.
„So“, meinte schließlich Erichfried, „wir sind fast an deiner Hütte angekommen. Du musst nur noch den Gang verlassen und immer geradeaus gehen, dann wirst du in wenigen Augenblicken zu Hause sein. Ich aber muss dich nun verlassen, Franz.“ Er drückte den Jungen an sich, denn auch er hatte ihn ein Stück weit lieb gewonnen.
„Versprich mir“, setzte er schließlich fort, „immer schön auf dich aufzupassen. Nicht immer können wir Zwerge da sein, um zu helfen. Und du weiß ja, ohne uns wärst du fast erfroren.“
„Ja, ich verspreche es, Erichfried“, meinte da der Junge.
„So ist es gut!“ Der Zwergenmann war zufrieden. „Und nun mach es gut und tarne den Zugang zur diesem Eingang. Ich kann mich da doch auf dich verlassen?“
„Du kannst es.“
„Sehr schön und alles Gute für dich.“
„Danke dir herzlich Erichfried. Auf Wiedersehen.“
Der Zwerg machte sich von dannen und der Junge begab sich zum anderen Ende des Ganges. Tatsächlich fand er schnell den Ausgang und trat in die zauberhafte Winterlandschaft. Den Eingang in das Reich der Zwerge ließ sich schnell tarnen, dann sah er sich um und tatsächlich erblickte er in der Nähe die heimatliche Hütte.
Das war eine Freude für den Jungen. Er sprang in wilder Hüpferei zum Haus.
Wie er da so herbeisprang, öffnete sich die Tür und seine mit Tränen überströmte Mutter kam aus der Tür.
„Franz, Franz! Dir ist nichts geschehen. Oh welch ein Wunder!“
„Ach Mama, die Zwerge haben mich gerettet und bei sich schlafen lassen.“
„Die Zwerge? Aber Franz, was redest du denn da? Zwerge gibt es doch nicht.“
„Aber Mama, sie haben mich aus dem Schnee gerettet und  bei sich schlafen lassen und heute Morgen habe ich ein vorzügliches Frühstück erhalten.“
Seine Mutter schüttelte nur ihr Haupt, denn es war doch sehr haarsträubend, was ihr da Franz erzählte.
„Komm erst einmal hinein, Franz. Dort kannst du mir dann alles in Ruhe erzählen.“
So gingen sie beide in die Hütte und Franz war froh, wieder zu Hause zu sein. Das elterliche Haus war doch etwas Anderes als eine Höhle der Zwerge. Aber er würde die hilfreichen Zwerge nicht vergessen. Denn er war sich trotz seiner jungen Jahre sehr bewusst, dass er ohne die Zwerge nicht mehr am Leben wäre. Auch wenn niemand ihm Glauben schenkte, er glaubte fest daran und behielt die weisen Worte der Zwerge für immer in seinem Herzen.


René Deter wurde 1974 im mecklenburgischen Städtchen Grevesmühlen geboren und lebt heute im nördlichen Teil des Biosphärenreservats Schaalsee, ca 20 km von der alten Hansestadt Lübeck entfernt. Schon früh entdeckte er die Liebe zum Lesen und Schreiben. Zunächst waren es Gedichte, bald darauf folgten auch Märchen, Kurzgeschichten und längere Erzählungen und kurze Romane. Diese Liebe hat ihn bis heute nicht losgelassen. Dabei bewegt er sich in ganz unterschiedlichen Genres, vorwiegend im fantastischen Bereich. Aber auch die Lyrik gehört zu seinem Metier.
Inspiration für seine Geschichten und Gedichte findet der Autor u. a. in der Natur seiner Heimat, aber auch im Urlaub oder durch besondere Ereignisse, die ihn bewegt haben.Natürlich gibt ihm das Leben in allen seinen Facetten Stoffe zum Erzählen.
Mehr Infos: 








Freitag, 12. Juni 2015

Klausmüller - Ein Esel auf Verbrecherjagd von Pebby Art

Klausmüller, der lebendige, kleine Stoffesel, begibt sich in seinem zweiten Abenteuer zusammen mit der zwölfjährigen Klara und dem vierzehn Jahre alten Joey auf die Suche nach den Verbrechern, die die alte Frau Greismann ausgeraubt haben.
Fast scheint es, als sei die Verbrecherjagd erfolgreich, als plötzlich eine Erpressernachricht auftaucht. Esel Klausmüller startet noch einmal durch und eine abenteuerliche Verfolgungsjagd beginnt. Dabei erhält er nicht nur von Klara und Joey Unterstützung, sondern ebenso von der etwas durchgeknallten Frau Greismann und ihrer ungestümen Hündin Tessa, deren schlabberige Hundezunge viel zu oft durch Klausmüllers Fell schleckt.
Ein Abenteuerspaß für alle, die sich gerne auf die humorvollen Verrücktheiten eines lebendigen Stoffesels und einer alten Dame einlassen.
Die Lesealterempfehlung liegt bei 10 Jahren und älter.
Erhältlich bei Amazon.



Eine seltsame Begegnung

Stoffesel Klausmüller hüpfte über den weichen Waldboden. Er wühlte sich durch Laubhaufen, die der letzte Herbst zurückgelassen hatte. Hin und wieder schielte er zu Klara und Joey, die auf den Pferden Domino und Artistin saßen. Domino und Artistin ignorierte er.
Es war noch kein Jahr her, da war der kleine Stoffesel durch eine Ritterrüstung gerutscht. Das hatte ihn auf unerklärliche Weise zum Leben erweckt. Seitdem sprang er durch die Gegend, liebte Lampenschirme, wenn er auf ihnen schaukelte und Kekse, wenn sie in sein Maul geschoben wurden. Pferde lehnte er ab. Doch leider liebte Klara sie. Und da Klausmüller seine Klara liebte – vielleicht sogar noch mehr als Kekse – musste er sich damit abfinden, dass auch Pferde bei ihren Ausflügen dabei waren.
Und darum eierten jetzt zwei Pferdehinterteile vor Klausmüller her. Besonders das Hinterteil von Domino sah sehr träge aus. Klaras Fersen stupsten immer mal wieder gegen die Seiten des Pferdes, damit das Hin- und Herschwanken des Pferdepos nicht ganz zum Erliegen kam. Domino war nicht immer so lahm gewesen, doch mittlerweile war er ein ziemlich alter Opa, der das Rennen den Jungen überließ und den nichts aus der Ruhe brachte. Sein ehemals schwarzes Maul war weiß gesprenkelt, sein Rücken hing durch und die Unterlippe schwabbelte wabbelig entspannt herum.
Klausmüller hingegen jagte imaginäre Schurken durch Laubhaufen, schlich sich zwischen Bäumen entlang und schlug jeden Hasen in die Flucht. Der Boden war weich und roch gerade jetzt in der Frühlingssonne so herrlich nach Frische, nach Leben, nach Energie. Und die setzte Klausmüller gerade in Riesenhüpfer um. Zwischendurch schickte er sein allerliebstes Esellächeln zu Klara hoch.
Die zwölfjährige Klara schielte zu Joey und war so froh, wieder hier zu sein, hier ihre Osterferien verbringen zu dürfen, auf dem Hof ihrer Großtante Agnes. Dabei hatte sie sich letzten Sommer erst noch geweigert, in den Ferien zu Tante Agnes zu fahren. Doch das war vor ihrem Urlaub gewesen. Dann hatte sie ja gemerkt, dass Tante Agnes Pferde besaß. Und wäre sie nicht hierhergekommen, wäre Klausmüller nie durch diese Ritterrüstung gerutscht und er wäre weiterhin ein normales Kuscheltier. Das konnte Klara sich nun überhaupt nicht mehr vorstellen, obwohl Klausmüller oft genug so tun musste, als sei er ein Stofftier, nichts weiter als ein Stofftier, denn Klara hatte beschlossen, dass niemand außer ihr und Joey Klausmüllers Geheimnis kennenlernen sollte.
Joey …, ja, den hatten sie auch hier kennengelernt, letzten Sommer, auf dem Hof von Tante Agnes. Joey war dreizehn und er kümmerte sich um die Pferde auf Tante Agnes’ Hof. Er war zunächst nicht so gesprächig gewesen, letztes Jahr, als Klara ihn zum ersten Mal traf, denn er traute nicht jedem und wartete erst einmal ab. Doch da Klara wie er die Pferde liebte und zudem seine Reitkünste bewunderte, hatte er ihr bald ein Lächeln und einen strahlenden Blick aus seinen einzigartig grünen Augen geschenkt. Und es hatte nicht lange gedauert, bis Joey gemerkt hatte, dass Klaras Stoffesel alles andere als ein normales Stofftier war.
Doch sonst wusste niemand von Klausmüllers Fähigkeiten. Und im Wald konnte Klausmüller sich richtig austoben, denn hier war es ziemlich menschenleer. Aber eben leider nur ‚ziemlich‘, denn einer war doch da. Ein Mensch, den weder Klara noch Joey bemerkten. Und auch Klausmüller sah ihn nicht. Und dieser eine Mensch bemerkte auch Klausmüller, Klara und Joey nicht – bis Klausmüller die Beine dieses Menschen mit einem Baum verwechselte und an diesen entlangstrich.
Da war es vorbei mit der Frühlingsidylle im Wald. Ein Spazierstock sauste durch die Frühlingsluft, traf Klausmüller und schleuderte ihn gegen Artistins Schulter. Artistin scheute und Domino spitzte die Ohren.
Im ersten Moment dachte Klara, dass Klausmüller mal wieder seine Sonnenbrille vor die Augen geschoben hätte. Die Brille hatte er letzten Sommer in einem Schuppen gefunden. Und so unwahrscheinlich es auch klang: Diese Brille besaß magische Kräfte. Wenn Klausmüller sie vor die Augen schob, konnte es passieren, dass er unkontrolliert durch die Luft sauste. Doch diesmal hatte er seine Sonnenbrille noch hinter den Ohren sitzen und er flog auch nicht hin und her wie ein Pingpong-Ball, sondern prallte nur einmal gegen Artistin und trudelte dann zu Boden. Dort versank er in einem Blätterhaufen. Aus diesem stöhnte es jetzt und zwei Eselohren kamen zum Vorschein. Dann wabbelte der Haufen hin und her und Klausmüller tauchte wieder auf. 
„Klausmüller!“, rief Klara, „Was machst du da?“
Doch dann schaute sie nach rechts, dahin, wohin auch die Pferde ihre Hälse bogen. Und sie entdeckte ihn, den Menschen. Er war eine Frau. Eine alte Frau. Eine sehr alte Frau.
Sie stand da, neben einem Baum, in der rechten Hand einen Stock, der auf Klara, Joey und die Pferde zielte. Die Beine standen so weit auseinander, dass der graue Rocksaum sich um die kurzen, knorpeligen Beine spannte. Man sah zwar, dass sie schon etliche Lebensjahre auf dem Buckel hatte, doch ihre drohende Haltung und ihr auf die Kinder gerichteter Spazierstock drückten eine gewisse Kampfbereitschaft aus. Klausmüller spürte die Prellung an seiner Schulter und wusste, dass die Oma durchaus bereit war, ihre Kampfbereitschaft in einen Kampfeinsatz umzuwandeln.
Klausmüller, Klara und Joey starrten auf die Kampfomi, die ebenso zurückstarrte. Das weiße Haar hing der Frau etwas wirr ins Gesicht und die Brille saß ziemlich schräg auf einer kleinen Kartoffelnase. Mit gerunzelter Stirn fixierte ihr Blick Klara und Joey. Klara bewegte sich als Erste wieder.
„Guten Tag“, sagte sie und nickte der alten Frau zu.
Daraufhin senkte diese ihren Stock, trat einen Schritt vor und sagte: „Oh wie schön, Kinder mit Pferden! Das sieht man auch selten.“
„Alte Frauen, die so tun, als ob sie alte Bäume wären und dann zuschlagen, sieht man noch seltener.“ Das war Klausmüller. Er pustete gerade ein letztes Laubblatt von seinem Fell.
Klara blieb die Spucke weg. Hatte Klausmüller sie noch alle? Er konnte doch nicht einfach fremde Leute anquatschen! Wo blieb da seine Ganz-normales-Stofftier-Tarnung? Klara warf Klausmüller einen strengen Blick zu, doch Klausmüller schaute nicht zu ihr. Er behielt die alte Frau im Blick, die jetzt auf ihn zukam. Klausmüller zog sich zurück – zwei Schritte. Klara wartete auf den Aufschrei der alten Dame – oder würde sie gleich wieder ihren Stock einsetzen, um das sprechende Stofftier aus ihrem Umkreis zu katapultieren?
Die Frau beugte sich mit ihrem eh schon ziemlich runden und schiefen Rücken noch tiefer runter, reckte ihr Kinn weit nach vorne zu Klausmüller und schob mit der stockfreien Hand ihre schief sitzende Brille zurecht. Klausmüller stand still. Nur sein Oberkörper schob sich nach hinten, seine Lippen zogen sich über die Zähne ins Maulinnere. Auweia.
„Es muss Ihr Fell gewesen sein, das mich erschreckt hat.“ Sie richtete sich etappenweise und mit ihren Händen auf den Stock gestützt wieder auf, so weit, wie ihre schiefen Knochen das zuließen. „Sie sind an meinen Beinen herumgestrichen, als ich gerade ein wenig geschlafen habe.“
„Sie schlafen im Stehen?“ Joey zog die Augenbrauen zusammen. „Im Wald?“
Er hatte schon viele Märchen gehört, von seinem Vater zum Beispiel, wenn der mal wieder in die Werkhalle entschwand, in der ihr Kirmeskarussell stand – ein Kinderkarussell mit bunten Autos und vielen Knöpfen zum Hupen, Tuten und Sirenenabspielen. Joeys Vater bastelte dann angeblich an neuen Autos herum, um das Karussell attraktiver zu machen, doch Joey wusste, dass sein Vater das eigentlich schon längst aufgegeben hatte und sich dorthin nur noch zurückzog, um eine Flasche Alkohol aus der Werkzeugkiste zu holen und dann stundenlang dort rumzusitzen und nichts zu tun, außer die Flasche hin und wieder anzuheben. Dabei hatte Joey als kleiner Junge immer darauf gewartet, dass sein Papa eines Tages mit dem Superkarussell auftreten würde. Doch das Karussell blieb immer gleich, sein Vater hingegen stolperte abends durch die Wohnung, roch unangenehm und sprach so undeutlich, dass Joey seine Worte kaum verstand. Eines Tages hatte Joey ihn beobachtet. Stundenlang. Danach wusste er, dass er längst nicht alles glauben sollte, was man ihm so sagte.
Und genauso wenig glaubte er dieser alten Frau die Geschichte vom Mittagsschlaf im Wald.
„Ja“, untermauerte die alte Dame ihre Aussage nun, „für gewöhnlich natürlich nicht. Doch wenn man schon so lange wie ich unterwegs ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass man sich ein wenig ausruhen möchte.“
„Wohin sind Sie denn unterwegs?“, fragte Klara.
„Na, nach Hause, mein Kind.“
Sie beugte abermals ihren Rücken tief hinab. Ihre beiden Hände stützen sich auf ihren Spazierstock, sodass sie aussah wie eine Hängebrücke, nur dass ihr Rücken nicht wirklich durchhing, sondern sich buckelig nach oben wölbte. Dann löste sie die rechte Hand von ihrem Stock und hielt sie Klausmüller entgegen.
„Greismann“, sagte sie, „Elfriede Greismann, sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Leider stinken Sie ein wenig.“
„Klausmüller, einfach Klausmüller“, sagte Klausmüller und legte seinen Huf in die runzelige und etwas starre alte Hand. „Ich stinke kein Stück und Sie sind etwas schief gebaut.“ Er ließ seinen Blick über Frau Greismanns Äußeres gleiten.
„Klausmüller“, sagte Klara. Doch Frau Greismann schien Klausmüllers Äußerung zu ihrer Schieflage nicht zu stören.
„Na, dann ist ja alles klar“, sagte sie und richtete sich wieder auf. Dazu stemmte sie sich mit der linken Hand auf ihren Stock und hielt ihre rechte Hand an ihre Hüfte. Zentimeter für Zentimeter schraubte sie sich in ihre aufrechte Ausgangsposition zurück. „Ihr habt einen stinkenden Esel und ich habe mich verlaufen. Wisst ihr zufällig, wie ich zu meiner Wohnung zurückkomme?“ Sie blickte jetzt Klara fest in die Augen. Ihre Brille hatte wieder eine Schieflage eingenommen, als wolle sie die Schrägstellung des Rückens nachahmen.
„Wo wohnen Sie denn?“, fragte Klara und dachte darüber nach, ob es wohl noch mehr sprechende Stofftiere gibt, da die alte Frau Klausmüller einfach so hinnahm, als wäre er nicht ungewöhnlich.
„In der Birkenallee 72“, sagte Frau Greismann und kratzte sich an der Stirn, „oder 71.“
„Wissen Sie was? Wir begleiten Sie“, sagte Klara, stieg von Domino herunter und nahm Dominos Zügel in die Hand. Schon stapfte sie neben Frau Greismann durch das alte Laub. Joey und Klausmüller schauten sich kurz an und marschierten dann hinterher.
Frau Greismann plauderte davon, dass sie eigentlich nur kurz aus dem Haus gegangen sei, weil ja vorher diese zwei Männer bei ihr gewesen wären. Die hätten bei ihr geklingelt und gefragt, ob sie ihr Badezimmer benutzen dürften. Der eine musste sich die Hände waschen, weil er Diabetes hatte und es Zeit war, sich in den Finger zu piksen, um die Blutwerte zu messen. Und davor mussten die Hände gewaschen werden. Frau Greismann hatte die beiden Männer hereingelassen. Sehr nette Männer übrigens. Und als sie wieder weggingen, hatte der mit dem Diabetes sein Messgerät vergessen. Und da hatte Frau Greismann sich Sorgen gemacht. Das Messgerät, das musste der doch haben, oder? Der arme Mann. Der konnte ja nun nicht mehr sein Blut fragen, ob es noch mit genügend Zucker vorsorgt war. Das ging doch nicht. Sie nahm das schwarze Gerät in ihre Hände und drehte es ein paar Mal unschlüssig hin und her. Und dann ging sie raus, den beiden Männern hinterher. Doch die waren zu schnell, die waren so rasch in eine Nebenstraße gehuscht und dann in einem Auto entschwunden, dass Frau Greismann nur noch mit ihrem Stock hinterherwinken konnte. Und selbst das hatten die Männer wohl nicht bemerkt. Und so stand Frau Greismann schließlich alleine da. Sie drehte sich um und ging nach Hause. Das war zumindest der Plan. Doch mit einem Mal kam ihr alles so unbekannt vor. Da musste sie sich wohl verlaufen haben.
„Und wo ist das Messgerät jetzt?“, fragte Joey.
Frau Greismann packte sich vor die Brust und drehte sich zu Joey um. „Nanu“, sagte sie, „das habe ich mir um den Hals gehängt. Das war in so ’ner Tasche. Komisch. Das muss ich wohl verloren haben.“
Frau Greismann zuckte mit den Schultern und stapfte weiter. Joey warf erst Klara und dann Klausmüller einen vielsagenden Blick zu. Wenigstens Klausmüller schien mit ihm übereinzustimmen. Die Alte hatte doch einen Tick.



„Klausmüller – Ein Esel auf Verbrecherjagd“ ist der zweite Band aus der Klausmüller-Reihe von Pebby Art. Bereits in „Klausmüller – Ein Esel sucht ein Pferd“ hat Pebby Art dem kleinen Stoffesel Leben eingehaucht.
Weitere Bücher von ihr sind „Auf und weg!“ und „Lieber Gott, wo steckst denn du?“.
Pebby Art hat ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder, ein Pferd und eine Katze. 
Und damit das Schreibfieber im Umlauf bleibt und auch der Zeichenstift nicht zu kurz kommt, unterstützt sie als Dozentin Schreib- und Zeichenbegeisterte.
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