Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Montag, 9. Januar 2012

Anne im Bauch von Eva Markert


Klappentext:

Anne ist Maries beste Freundin. Sie ist älter als Marie und wohnt in ihrem Bauch.
Auf keinen Fall darf Marie jemandem von Anne erzählen, sonst würde die für immer fortgehen.
Eines Tages zieht Josefa im Haus gegenüber ein und Marie freundet sich schnell mit ihr an. Wird dies ihre Freundschaft mit Anne gefährden?

"Anne im Bauch" ist eine Geschichte für Mädchen ab 5. Erhältlich bei Amazon.



Anne im Bauch
oder:
Maries heimliche beste Freundin
von
Eva Markert
1.
Ein seltsames Mädchen
Marie tat oft seltsame Dinge.
Auf dem Spielplatz zum Beispiel rannte sie pausenlos zwischen der Rutschbahn und der Schaukel hin und her und rutschte und schaukelte abwechselnd.
„Kannst du dich nicht entscheiden, was du am liebsten tun möchtest?“, fragte Mama lachend.
„Klar kann ich das!“, antwortete Marie und rannte wieder los.
Kopfschüttelnd sah Mama ihr hinterher.
„He, Marie“, rief Sarah, „wippst du mit mir?“
Sarah war in derselben Klasse wie sie.
Marie blieb stehen und horchte in sich hinein. „Nee, wippen will sie nicht“, sagte sie.
„Wer will nicht wippen?“, wollte Sarah verblüfft wissen.
Aber Marie war schon wieder auf dem Weg zur Rutsche.
Manchmal redete Marie auch mit sich selbst.
Neulich sagte sie mitten in der Rechenstunde laut und deutlich in die Stille hinein: „Au ja, das ist eine gute Idee.“
Alle sahen sie erstaunt an.
„Was ist eine gute Idee?“, fragte Herr Weinert.
Marie fuhr zusammen und wurde rot. „Ich ... äh ... ich ...“, stotterte sie.
Herr Weinert lächelte. „Sicher findest du, es ist eine gute Idee, rechnen zu lernen. Stimmt’s?“
Erleichtert nickte Marie.
Einige in der Klasse murmelten.
„Findest du das wirklich?“, zischte Sarah ihr zu.
Marie nickte, grinste und beugte sich wieder über ihr Heft.
Komischerweise machte Marie abends nie Theater, wenn sie ins Bett gehen sollte. Papa schüttelte oft darüber den Kopf. „Du bist das einzige Kind, das ich kenne, das abends gern ins Bett geht“, sagte er oft.
Ihr Bruder Stefan, der zwei Jahre älter war, bettelte immer, ob er noch länger aufbleiben dürfte. Marie tat das nie.
Sie hatte einen guten Grund dafür. Und auch für all die anderen seltsamen Dinge, die sie tat. Aber den durfte sie niemandem verraten.
2.
Endlich im Bett!
Wenn Mama Marie gute Nacht gesagt und das Licht im Kinderzimmer ausgemacht hatte, wurde es richtig lustig. Dann kam Anne heraus. Sie wohnte in Maries Bauch.
„Was machen wir heute?“, fragte sie.
Marie überlegte. „Sollen wir wieder deinen Kühlschrank umschmeißen?“
In Annes Kühlschrank war alles, was Marie und Anne gern mochten: Schinken, Bananen, Leberwurst, Erdbeermarmelade und vor allem riesige Mengen Schokoladeneis. Mama erlaubte ihr nicht, so viel Eis zu essen, höchstens eins am Tag. Deshalb warf Marie gern Annes Kühlschrank um, und dann aß sie das ganze Eis auf, was dabei herausfiel.
Anne fand das Spiel auch witzig, aber heute Abend nicht. „Das haben wir doch gestern erst gemacht“, wandte sie ein. „Außerdem habe ich keinen Hunger.“
„Ich eigentlich auch nicht.“ Zum Abendessen hatte Marie nämlich zwei Brote mit Schinken und Banane gegessen.
„Wie kann man sich bloß Bananenscheiben auf ein Schinkenbrot legen“, hatte Stefan gemeint und angewidert das Gesicht verzogen.
Marie liebte Schinkenbrote mit Banane. Das war übrigens auch eine von Annes Ideen. Wenn sie den Kühlschrank umwarfen, machten sie sich manchmal auch Schinken-Bananenbrote.
„Schmeckt toll“, antwortete sie Stefan, denn sie konnte ihm natürlich nicht von Anne erzählen.
Auch Leberwurst-Marmeladenbrote aß sie gern. Aber es musste unbedingt Erdbeermarmelade sein. Darauf bestand Anne.
Und sie hatte Recht. Überhaupt hatte sie immer Recht. Zumindest fast immer. Kein Wunder! Schließlich war sie ja schon viel älter als Marie. Nämlich schon achtzehn.
„Was sollen wir denn nun spielen?“, fragte Anne.
„Schule!“, rief Marie. „Ich bin die Lehrerin.“
„Au ja.“
Das war das Tolle an Anne. Obwohl sie älter war, hatte sie nichts dagegen, dass Marie die Lehrerin spielte.
„Wir haben Mathe“, begann Marie. Mathe war ihr Lieblingsfach.
„Okay.“
Marie dachte nach. „Drei und sieben weniger vier.“
Anne begann zu rechnen. Marie auch.
Nach einer Weile bat Anne: „Kannst du die Aufgabe noch mal wiederholen?“
Marie kicherte. „Nee, kann ich nicht. Ich habe sie nämlich vergessen.“
„Ich auch. Dann frag was anderes.“
„Wie viel ist drei und vier weniger fünf. Das können wir uns leichter merken.“
Wieder begannen sie zu rechnen. Doch ehe Marie wusste, was rauskam, schlief sie ein.
3.
Der große Bruder
Maries Bruder war ganz nett. Manchmal allerdings auch nicht, vor allem dann nicht, wenn er sich aufspielte. Und das tat er leider recht häufig.
Wenn er draußen spielen ging und Marie mitkommen wollte, meinte er: „Ich kann dich nicht mitnehmen. Dafür bist du noch zu klein.“ Wenn sein bester Freund zu Besuch kam, schickte er Marie auch weg. „Du Zwerg kannst nicht mitspielen. Und außerdem bist du ein Mädchen.“
„Du musst verstehen, dass die Jungs auch mal unter sich sein wollen“, meinte Mama, wenn Marie sich bei ihr beschwerte.
„Lass sie doch“, tröstete Anne sie. „Heute Abend schmeißen wir wieder den Kühlschrank um. Oder wir spielen Schule und du bist die Lehrerin. Das ist doch viel lustiger als das, was der blöde Stefan und seine doofen Freunde spielen.“
Komischerweise fand Stefan, Marie wäre alt genug, um mittags mit Hansi, dem Rauhaardackel der Familie, spazieren zu gehen, auch dann, wenn es wie aus Eimern goss.
„Findest du nicht, dass ich noch viel zu klein bin, um bei diesem Sauwetter draußen zu sein?“, erkundigte sich Marie einmal bei Mama.
„Wieso zu klein?“, fragte Mama zurück. „Du bist doch schon ein großes Mädchen.“
„Ich gehe mit“, tröstete Anne, als Marie maulend ihre Regenjacke anzog. „Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“
„Aber wir dürfen nicht so laut reden“, flüsterte Marie. „Sonst gucken die Leute wieder so komisch.“
Ein Glück, dass sie Anne hatte! Mit ihr zusammen machte alles viel mehr Spaß – sogar bei Schweinewetter mit dem Hund zu gehen.

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