Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Montag, 23. Januar 2012

Die Perle auf dem Hühnerstall von Marion Pletzer


Klappentext:

Unversehens geraten die Henne Clarissa und ihre Gefährten in die Erbschaftsstreitigkeiten ihrer Menschen Valerie und Hendrik. Die sollen den Hof verlassen, weil das Testament nicht auffindbar ist. Das Geflügel soll geschlachtet werden. Clarissa will sich selbst und ihre Freunde retten.
Mit Hilfe der Krähe Margo begeben Clarissa, das Perlhuhn Perle und die Pute Consuela sich auf den Weg in nächste Dorf zu der gefangenen Taube Ugundi. Die hat Margo versprochen, dem Geflügel bei der Lösung ihres Problems zu helfen. Als Preis fordert sie ihre Befreiung. Eine aufregende und gefährliche Reise beginnt.

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Die Perle auf dem Hühnerstall

Kapitel 3

Clarissa hüpfte auf die Sitzstange. Sie vermisste Valeries warme Hand auf ihrem Rückengefieder, ihre sanfte Stimme und die Extraportion Haferflocken. Was, wenn Flo Recht hatte und Valerie kam nicht mehr wieder? Hendrik konnte sie niemals ersetzen. Clarissa kletterte noch eine Stange höher. So hatte sie alle Hühner im Blick.
„Unser Leben wird bedroht. Wir müssen herausfinden, was es ist“, sagte sie.
Ratlose Blicke trafen sie.
„Wieso? Ist doch alles wie immer“, bemerkte Artus. „Außer, dass wir heute etwas später als sonst Futter bekommen haben.“
„Hendrik hat uns gefüttert. Beweis genug, dass etwas nicht stimmt. Valerie hat uns noch nie jemand anderem überlassen. Nicht mal als Johnny tot im Garten lag.“
Die Hühner nickten zustimmend.
Johnny war ein dicker Kater gewesen, grauweiß wie die Gänse. Er lag am liebsten auf der von der Sonne erwärmten Bruchsteinmauer. Bei schönem Wetter verschlief er so den halben Tag. Bei schlechtem schlich er ins Haus. Ab und zu streunte er durch den Auslauf und hielt Ausschau nach Mäusen, die vor dem Stall nach Körnern suchten. Gelegentlich packte er eine und schleppte die um ihr Leben piepsende und zappelnde Maus davon. Sobald Valerie Johnny sah, streichelte sie ihm über das Fell und sprach leise mit ihm. Sie lachte, wenn er ihr um die Beine strich. Sie weinte ganz entsetzlich, als sie ihn eines Morgens kalt und steif unter dem Rosenbusch fand.
„Wahrscheinlich ist gar nichts. Menschen tun oft eigenartige Dinge.“ Trulle, ein behäbiges Lachshuhn, dessen befiederter Bart bei jeder Bewegung wackelte, sprach langsam und leise.
„Du hast diesen Fred nicht gesehen, Trulle. Seine Augen glitzerten so bösartig wie die von Habicht. Er sagte, er würde jedem hier den Kopf abschlagen“, widersprach Clarissa.
„Ich kenne ihn“, mischte Henni sich ein. Sie war die älteste Henne am Hof und im Gegensatz zu Gunters Gedächtnis, war ihres hervorragend.
„Das letzte Mal, als er hier war, führte ich meine ersten Küken. Fred und Edgar stritten so heftig miteinander, dass ihre Gesichter rot anliefen. Edgar war der Stärkere und vertrieb Fred vom Hof. Danach kam er nie wieder.“
Aufgeregt gackerten die Hühner durcheinander.
„Warum kommt er denn jetzt zurück?“ Perle flatterte neben Clarissa auf die Stange.
„Weil Edgar nicht mehr da ist. Oder hat ihn jemand von euch gesehen?“, fragte Henni in die Runde.
Nach einigem Gezeter einigten die Hühner sich darauf, dass Edgar bereits länger weg war als Valerie.
„Dann will Fred seinen Platz einnehmen“, bemerkte Artus. „Jede Gruppe benötigt einen Anführer.“
Clarissa schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht stimmen. Er sagte, er will den Hof nicht. Nur Geld.“
Die Hühner sahen sie verständnislos an. „Geld?“
„Kann man das fressen?“, fragte Flo. Eine berechtigte Frage fanden die anderen und nickten. Aber eine Antwort konnte ihr niemand geben.
„Ihr seht, es gibt viele Fragen zu klären. Perle, du bist die beste Fliegerin von uns. Flieg zum Haus hinüber und versuche etwas herauszufinden“, bestimmte Clarissa.
„Nee, nee. Paco hat schon mal fast meine Schwanzfeder erwischt“, sagte Perle. Vor Pacos spitzen Zähnen fürchteten sich alle.
„Aber einer muss gehen“, beharrte Clarissa. „Und am besten der, der die größte Chance hat, zum Haus vorzudringen. Schließlich wir sind alle betroffen.“
Wieder nickten die Hühner sich gegenseitig zu.
„Ich erledige bereits die Aufgabe der Wächterin. Mehr ist nicht drin“, entgegnete Perle. „Seine Eier muss schließlich auch jeder alleine legen.“
Die Hühner verfielen in Schweigen.
„Wie wäre es mit Gunter?“, sagte Henni. „Der kann doch alles. Sagt er jedenfalls.“
„Gute Idee. Trulle machst du das? Dich mag er von uns am liebsten“, sagte Clarissa.
Vor Freude, dass ihre Hilfe gefragt war, hüpfte Trulle sofort nach draußen. Neugierig folgten die anderen.
Leise gurrend, tänzelte Trulle auf den Krallenspitzen um Gunter herum. Sofort blähte er die Federn und stimmte in den Tanz ein. Seine Gesichtshaut färbte sich blau. Kollernde Laute drangen aus seinem Schnabel. Eine Weile drehten Trulle und Gunter ihre Kreise auf der Wiese. Dann blieb Gunter stehen und schüttelte so heftig den Kopf, dass der wurmförmige Hautlappen um seinen Kopf schwang.
„Er will nicht. Hätte ich euch gleich sagen können“, bemerkte Babette forsch. Sie war ein schickes Junghuhn, dessen lackschwarzes Gefieder eindeutig Artus als Vater erkennen ließ.
Trulle gab nicht auf. Munter tänzelte sie weiter. Ihr Gefieder glänzte rosafarben in der Sonne, der Bart schwang anmutig bei jedem Schritt. Gunter fiel wieder in den Tanz ein. Erneut drehten sie sich im Kreis. Schließlich legte er das Gefieder glatt an den Körper, die blaue Gesichtsfärbung wechselte zurück ins rosafarbene und er nickte. Trulle strich ein letztes Mal mit ihrer Körperseite an der seinen entlang und kam zurück zum Stall.
„Er macht’s. Schade, dass er ein Langbein ist.“ Verlegen strich sie den Bart am Brustgefieder glatt.
Gunter flatterte auf den Pflaumenbaum, der in der Nähe des Stalls wuchs. Von dort auf das Stalldach. Dann auf die Terrasse. Gemächlich schritt er zum Haus. Das Gezeter seiner Damen, die ihn mit schrillen Stimmen zur sofortigen Umkehr bewegen wollten, ließ er hinter sich. Sein Blick fiel auf eines der Fenster. Es stand offen.
Bis auf die Gänse, rannten alle zum Zaun und verfolgten, wie er mit federnden Schritten das Beet erreichte, das die Hauswand einrahmte. Da entdeckte er eine Staude mit gelben Blüten. Zart und saftig sahen sie aus. Er senkte er den Kopf und pickte an den Blütenblättern herum. Solche Köstlichkeiten gab es im Auslauf nicht.
„Gunter!“, rief Clarissa. Er hörte sie nicht, sondern pickte eine Blüte nach der anderen von den Zweigen.
„Gunter!“
Er hob den Kopf.
Ihr Schnabel deutete ihm die Richtung, die er einschlagen sollte. Er kollerte und nickte bedächtig. Unterhalb des Fensters blieb er stehen, überlegte kurz und sprang auf einen blühenden Busch. Die Zweige bogen sich unter seinem Gewicht. Blütenblätter rieselten zu Boden und bedeckten die dunkle Erde wie eine hauchdünne Schneeschicht. Hendriks Silhouette erschien am Fenster. Den Kopf schräg gestellt, lauschte Gunter Hendriks aufgeregter Stimme. Es strengte ihn an, sich die schnell gesprochenen Worten zu merken.
„Paco kommt!“ schrie Perle mit einem Mal durchdringend in die gespannte Stille.
Die Hühner blickten starr auf den schwarzen Hund, der mit fliegenden Ohren um die Ecke schoss.
Die Puten jammerten und wehklagten bereits über den unvermeidlichen Verlust ihres Hahns. Dabei drehten sie sich verzweifelt im Kreis.
Gunter blickte sich hektisch um und sprang schließlich vom Busch herunter. Er blähte sich auf. Seine Flügel schabten über den Boden. Mit ruckendem Kopf stellte er sich dem Hund entgegen. Paco blieb stehen. Er zögerte. Dann senkte er den Kopf. Die Zunge hing weit aus seinem Maul. Strahlend weiß hoben die Zähne sich von dem schwarzen Fell ab.
„Helft ihm doch! So helft ihm doch“, jammerten die Puten.
Paco duckte sich, schlich auf Gunter zu. Sein Blick fixierte ihn. Gunter hielt sich mit dem Rücken zur Wand und stieß spuckende Laute aus. Mit den fächerartig ausgebreiteten Schwanzfedern beschrieb er einen Halbkreis nach dem anderen.
Ohne zu überlegen, flatterte Clarissa auf den Zaun. Schwerfällig flog sie in Richtung des Hundes.
„Kehr um!“, schrie Henni hinter ihr her.
Paco fuhr herum. Jeden einzelnen seiner spitzen Zähne konnte Clarissa erkennen, als er zu ihr hochsprang. Pacos Kiefer klappten aufeinander. Clarissa spürte ein Ziehen am Schwanz. Panisch flatterte sie. Und kam frei. In Pacos Maul hing eine braune Feder. Mit mehreren hektischen Flügelschlägen erreichte Clarissa den rettenden Zaun. Gunter nutzte die wenigen Sekunden, die Clarissa ihm verschafft hatte. Er flog auf und landete auf der Fensterbank. Fieberhaft schlugen seine Flügel. Doch seine Krallen fanden auf der glatten Fläche fand keinen Halt. Heiser bellte Paco zu ihm hinauf.
„Paco, aus!“ Hendriks Stimme klang böse. Augenblicklich verstummte Paco. Er ließ die Ohren hängen und schlich mit eingekniffener Rute ins Haus.
Erleichtert sprang Gunter von der Fensterbank. Sein Kollern schallte über den ganzen Hof.
„Was machst du denn hier draußen? Marsch, zurück!“ Die Arme ausgestreckt, scheuchte Hendrik Gunter zurück. Gemächlichen Schrittes, als wäre ihm nicht gerade das Leben geschenkt worden, spazierte Gunter zurück in den Auslauf.
Seine Damen rannten auf ihn zu. Vor Erleichterung zupften sie aufgeregt an seinem Gefieder. Schnell bildeten die Hühner einen Halbkreis um Gunter und drängten ihn zu erzählen, was er erfahren hatte.
„Nicht besonders viel. Hendrik sprach so schnell. Und dann kläffte dieser, … ,dieser… Hund“, sagte Gunter.
„Nun erzähl schon“, sagte Clarissa aus Sorge, er könne alles vergessen, wenn er sich mit Nichtigkeiten aufhielt. Gunter zog die federlose Stirn in Falten. Eile war nicht seine Sache.
„Immer mit der Ruhe. Valerie ist krank. So viel habe ich verstanden.“
„Krank?“
„Was hat sie denn?“
„Wann kommt sie wieder?“
Alle riefen durcheinander.
„Schleichender Hühnertod.“ Diese beiden von Babette unbedacht ausgesprochenen Worte lösten große Bestürzung aus. Augenblicklich verstummten alle. Jeder wusste Bescheid über diese Krankheit. Zunächst fühlte man sich nur schlapp. Der Kamm bekam die Farbe eines Regenwurms. Dann lief blutiges Wasser aus der Kloake. Man wurde schwächer und schwächer, während ein ständig schlimmer werdendes Gewitter durch die Gedärme wütete. Bis man irgendwann von der Stange fiel.
„Dann ist sie nicht zu retten“, flüsterte Fee in die angstvolle Stille. Und sie musste es wissen, fielen doch ihre Mutter und fünf ihrer Geschwister dieser schrecklichen Krankheit zum Opfer. Nur Valeries unermüdlicher Pflege verdankte sie ihr eigenes Leben.
„Hat Hendrik sonst noch etwas gesagt?“, fragte Clarissa.
„Dass er uns alle weggeben muss. Mehr weiß ich nicht.“ Gunter schüttelte den Kopf, so dass der Hautlappen wie eine Bommel herumflog.
„Bist du sicher? Oder hast du es nur vergessen?“, bohrte Clarissa nach. Vermutlich wäre es doch besser gewesen, Perle hätte diese Aufgabe übernommen. Gunter faltete erneut seine Stirn.
„Ach, ja. Fred, der Mistkerl, sagte er noch. Mehrmals.“ Gemeinsam mit seinen Damen schritt Gunter in den hinteren Teil des Auslaufs. Seine Arbeit war erledigt.
Weggeben, hatte Hendrik gesagt. Clarissa blickte über die Köpfe der Hühner, so als wolle sie sie durchzählen. Das bedeutete, fort vom Hof. Fort von Zuhause.



Leserstimmen:

"Lange habe ich mich bei einer Geschichte nicht mehr so amüsiert, wie bei diesem Text. Die Autorin muss Tiere, insbesondere Hühner lieben, wie sonst könnte jemand so wunderbar und gefühlvoll darüber schreiben. Humorvoll erzählt sie die Geschichte von Clarissa und Perle den Hühnern, der Krähe Margo und Ugundi, einer Brieftaube... Ein Buch, das ich nur jedem empfehlen kann."


"... fundiert taucht sie in die Welt auf dem Bauernhof ein, in Clarissas Hühnerwelt, in der es spannende Konflikte gibt und auch bezaubernden Humor."


"... Humor hat dabei viel Platz. Geradezu köstlich, wie der Ganter Gunter als leicht beschränkt und höchst vergesslich dargestellt ist. Auch der schöne Hahn Artus ist nicht ganz auf der Höhe des Geschehens, sodass das Schicksal des Hofs in den Krallen der weiblichen Mitglieder des Geflügels liegt... So ist dieser Roman für Kinder nicht nur spannend zu lesen, sondern auch lehrreich. Nicht nur für Kinder. Vergnüglich obendrein."

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