Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Dienstag, 11. September 2012

Polepole auf Schatzsuche von Jan Müller

Ein Märchen der Morgenröte von Jan Müller mit Illustrationen von Raymonde Guidotti

Klappentext

Als das Gold im Bergwerk erschöpft ist, verlieren alle Goldgräber ihre Arbeit, und das ganze Dorf beginnt zu hungern. Der kleine Polepole aber hofft noch immer, im Inneren des Berges Schätze zu finden. Er macht sich auf in das verlassene Bergwerk und entdeckt dort ein Zauberreich, den Inneren Urwald, wo er wilde Abenteuer bestehen muss, bevor ihn seine Reise nach Innen zum Ziel seiner Wünsche führt. 

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Leseprobe

Alles war still. Keine Männer mit Helm und Spitz-hacken mehr, keine quietschenden Loren. Polepole lief auf das dunkle Loch im Berg zu und schlüpfte in das stillgelegte Bergwerk. Einsam und verlassen standen auf den ​Schienen die Loren, die früher das Gestein voller Goldstaub befördert hatten. Eine Feldmaus sprang auf den Rand einer Lore und sah Polepole an. 




Das Gold war erschöpft, so hieß es. Alle Goldgräber saßen auf der Straße. Auch Polepoles Vater. Das ganze Dorf war langsam am Verhungern.
Polepole kletterte in eine der rostigen Loren, hielt den Vorderrand wie eine Lenkstange fest und stellte sich vor, er rollte damit in die Stollen. »Vielleicht haben sie nicht tief genug gegraben«, sagte er sich. »Wenn ich ganz tief reinfahren und eine neue Goldader entdecken könnte, hätten alle wieder Arbeit und was zu essen.«
»Nicht dumm, mein Junge«, ertönte eine Stimme aus dem Dunkel. Erschrocken blickte er sich um. Im Halbdunkel stand ein uralter Mann, dessen schwarzes Gesicht von weißem Kraushaar und Bart umrahmt war.
Polepole fasste sich ein Herz. »Wer bist du?«, fragte er.
»Fundi la Neno, der Meister des Wortes. Wenn du nach Schätzen suchst, dann bist du hier richtig.«
»Alle sagen, es gäbe kein Gold mehr in der Mine«, warf Polepole ein. »Kennst du vielleicht noch eine versteckte Ader?«
»Ich rede nicht von Erz und Gold«, sagte der Alte. »Ich rede von einem viel größeren Schatz: vom Spiegelsee.«
»Spiegelsee?« Polepole schaute den Alten mit großen Augen an. Davon hatte er noch nie gehört.
»Er liegt im Inneren Urwald, an der tiefsten Stelle, ganz verborgen. Die meisten Menschen wissen nichts davon. Aber der Spiegelsee birgt ein großes Geheimnis: Wenn der Wasserspiegel ganz still ist, spiegeln sich darin deine Wünsche. Und jeder Wunsch, den du im Wasser siehst, geht in Erfüllung.« 




»Au ja!« Diesen See wollte Polepole unbedingt finden. »Und wie komme ich dort hin?«
»Durch den Inneren Urwald«, sagte Fundi la Neno. »Auf dem Weg begegnet dir manches, was dir den Weg versperrt. Aber wenn du dein Ziel im Auge behältst, wirst du es schaffen. Komm mit.«
Polepole kletterte aus der rostigen Lore und folgte Fundi la Neno tiefer in den Stollen hinein. Der Stollen war dunkel, aber warm. Als die Schienen bergab gingen, blieb Fundi la Neno stehen und wartete, bis Polepole neben ihm stand. »Ich gebe dir jetzt ein Zauberwort, das dir hilft, den Weg zu finden. Kannst du ein Geheimnis bewahren?«
Polepole nickte.
Da flüsterte ihm Fundi la Neno ein seltsames Wort ins Ohr. »So heißt deine Nenolore«, sagte er. »Wenn du ihren Namen wiederholst, erscheint sie unter dir und fährt dich zum Spiegelsee.«
Polepole sah nirgends eine Lore. Als er aber das Wort wieder-holte, fand er sich plötzlich in einer Lore sitzen, die aus purem Gold zu sein schien. Und sie bewegte sich ... Er hatte das Gefühl, abwärts zu rollen ...
»Wenn du merkst, dass du die Lore verloren hast«, sagte Fundi la Neno, »denke einfach wieder ihren Namen.«
Polepole dachte den Namen, und die Lore rollte und rollte, immer steiler bergab, immer schneller und schneller, durch einen endlos langen Tunnel. Polepole wurde mulmig zumute, er dachte schon, der Tunnel höre nie auf. Endlich gewahrte er weit vor sich ein schwa-ches, gelbliches Licht, das langsam heller wurde, je näher er kam, bis der Tunnel in einen warmen, dampfenden Urwald mündete.
Bunte Vögel saßen auf den Bäumen, tschiepten und tschepten. Zwischen großen Blättern und baumhohem Farnen standen Bananenstauden und Palmen. Die Lore rollte mit Schwung in ein Tal und wieder bergauf.
 
Plötzlich flog etwas haarscharf an seinem Kopf vorbei. Er konnte sich gerade noch ducken. Die Lore fuhr langsamer, kam ins Stocken. Links und rechts raschelte es im Gebüsch. Anscheinend hatte er heimliche Begleiter. Da – flutsch! Ein zweites Geschoss flog knapp an ihm vorbei.
Aus schwankenden Palmenwedeln erklang ein keuchendes Gelächter. Das hörte sich an wie Affen.
Er hob den Kopf und spähte in die Palmenwipfel. Sofort verstummte das Lachen. Auch das Rascheln der Blätter hörte auf. Nur die schwankenden Wedel verrieten, dass hier gerade jemand durch die Palmen gesprungen war.
Mit einem Ruck kam die Lore zum Stehen. Eine kräftige, behaarte Hand umklammerte den Vorderrand der Lore und eine heisere Stimme rief: »Hände hoch!«
  Polepole schreckte zusammen.


 

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