Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Dienstag, 15. Dezember 2015

Davie und der geheimnisvolle Mister Atnas von Brigitte Endres




Ein Weihnachtsmärchen in New York

Klappentext
Davie ist gar nicht weihnachtlich zumute. Warum war Mum nach der Scheidung auch nach New York gezogen? Er vermisst seinen kleinen Hund, den er in Wisconsin zurücklassen musste. Dad hatte jetzt eine neue Frau und einen neuen kleinen Jungen. Davie denkt nicht daran, Weihnachten mit ihnen zu verbringen. So wie Mum noch nicht den richtigen Partner gefunden hat, hat auch Davie hier noch keine Freunde, seine Klassenkameraden halten ihn für ein Landei. Deshalb vertreibt er sich die Zeit oft damit, durch sein Fernglas aus dem 20sten Stock in die Wohnungen gegenüber zu sehen.
Auch an dem grauen Dezembertag, an dem die Geschichte beginnt, sitzt Davie wieder am Fenster. Als er aus purer Langeweile das Fernglas umdreht – stutzt er. Klar und deutlich erkennt er einen alten bärtigen Mann mit einer Pudelmütze, der ihm von einem Dach in der City aus zuwinkt. Davies Neugier ist geweckt, er macht sich auf die Suche und findet ihn schließlich.
Wie diese Begegnung Davie Trost und Hoffnung schenkt, aber auch die Aussicht auf eine neue Familie, erzählt dieses berührende Weihnachtsmärchen.
Für Kinder ab 8 Jahren.
Erhältlich bei Amazon



Leseprobe

Zweites Kapitel
Doch an diesem Abend kam Davies Mutter, Mrs. Donegal so bedrückt von der Arbeit heim, dass Davie die Sache mit dem magischen Fernrohr völlig vergaß.
„Davie“, sagte sie mit belegter Stimme. „Dein Vater hat bei mir im Büro angerufen. Er möchte, dass du mit ihm und seiner neuen Familie Weihnachten feierst.“
Davie schoss augenblicklich das Blut in den Kopf. „Aber das will ich nicht“, rief er ganz außer sich. „Das kannst du ihm ausrichten! – Und überhaupt … Warum lassen wir Weihnachten dieses Jahr nicht einfach ausfallen?“
„Aber Davie“, entgegnete seine Mutter erschrocken. „Weihnachten kann man doch nicht einfach ausfallen lassen.“ Sie nahm ihn in den Arm. „Wir machen es uns auch zu zweit gemütlich.“ Sie fuhr ihm übers Haar. „Alles wie immer. Okay? Baum, Geschenke, Truthahn …“
Davie versteifte sich. „Nichts ist wie immer.“
Mrs. Donegal sah ihren Sohn betroffen an. Wo war ihr fröhlicher, unbeschwerter Davie geblieben? War er wirklich dieser Junge mit dem mürrischen Gesicht? Sie ließ das Thema ‚Weihnachten‘ erst einmal auf sich beruhen.
Trotzdem war an diesem Abend der Wurm drin.
Nach dem Essen legte Davies Mutter das Besteck beiseite. Davie sah ihr an, dass sie etwas loswerden wollte, etwas das ihr anscheinend ziemlich auf der Seele lag.
„Davie, ich möchte dir was sagen … Ich hab da jemanden kennengelernt …“
Davie starrte sie an. „Schon wieder?“
Seine Mutter fuhr zurück. „Sei nicht gemein, Davie! Es ist eben nicht jeder Erstbeste Mister Richtig.“
„Ist es jeder Viertbeste?“, schoss Davie patzig zurück und sprang auf. „Willst du mich deshalb an Weihnachten zu Dad verfrachten?“
„Davie!“, die Stimme seiner Mutter überschlug sich vor Schmerz und Enttäuschung. „Denkst du das wirklich?“
Aber da war Davie schon in sein Zimmer gerannt.
Er warf sich aufs Bett. Dad hatte sie verlassen und danach hatte Davie Dad verlassen. Er wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sollte er glücklich werden mit der Neuen und dem neuen Kind. Mum und er brauchten ihn nicht. Normalerweise sprachen sie nicht mal über ihn.
Das Jahr vor der Trennung war ein schlimmes Jahr gewesen. Mum hatte später gesagt, sie hätte Dad nie heiraten dürfen. Aber sie hatte es eben doch getan. Seinetwegen, Davies wegen. Mum war mit achtzehn schwanger geworden. Dad und sie kannten sich damals noch nicht sehr lang. Davie wusste nur, dass Mum das Baby, also ihn, unbedingt haben wollte. In New York wäre das kein Problem gewesen. In einem kleinen Städtchen in Wisconsin aber war es ein Problem. Oma und Opa mussten ziemlich Ärger gemacht haben, und dann hatte sich auch noch der Pastor eingemischt. Heiraten sollten die jungen Eltern, damit alles seine Ordnung hatte. Und schließlich heirateten sie tatsächlich. Mum sagte mal, sie habe Dad zwar gemocht, aber Liebe sei es nicht gewesen. Doch sie habe gehofft, dass die Liebe mit der Zeit käme.
Davie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fixierte die Schatten an der Zimmerdecke.
Liebe. Die beiden passten einfach nicht zusammen. Ihm war das lang gar nicht aufgefallen. Für ihn war ja auch alles in Ordnung. Er stromerte draußen herum, spielte mit Groovy und Steve und besaß ein schönes großes Zimmer mit allem, was ein Junge so brauchte. Auch als Mum ins Gästeschlafzimmer zog, hatte er sich noch keine Sorgen gemacht. Dad ging an den Wochenenden oft mit ihm zum Fischen oder ins Stadion, wenn die Brewers spielten. Aber ganz allmählich wurde das immer seltener. Und dann waren Mum und er oft allein an den Abenden und an den Wochenenden. Wenn Dad jedoch mal da war, gab es nichts als Streitereien. Eines Tages zog Dad schließlich aus. Davie hatte am Fenster gestanden und zugesehen, wie er zwei große Koffer in den Jeep warf. Erst dachte Davie, dass er bald wieder heimkommen würde. Aber da hatte er sich getäuscht. Als Mum nämlich erfuhr, dass Dad mit einer anderen Frau ein Kind erwartete, reichte sich die Scheidung ein.
Davie krampfte es heute noch den Magen zusammen. So leicht war das also. Man besorgte sich einfach eine neue Familie, wenn es mit der alten nicht klappte. Aber das Schlimmste war, dass Davie oft dachte, dass er an allem schuld war. Ohne ihn hätten die beiden nie geheiratet. Ohne ihn wäre Mum sicher viel glücklicher geworden. Dad konnte ihm gestohlen bleiben. Davie ging nie ans Telefon, wenn sein Vater ihn sprechen wollte und er weigerte sich bis heute standhaft, ihn zu besuchen.
Fast ein Jahr lebten Mum und er noch in dem weißen Häuschen mit der Veranda. Dann zog Mum den Schlussstrich. So hatte sie das damals genannt. Sie verkaufte das Häuschen und bewarb sich um die Stelle in New York. Davie verstand ja, dass sie neu anfangen wollte. Aber für ihn war es einfach schrecklich gewesen. Er fühlte wieder diese dunkle, trostlose Traurigkeit hochsteigen, die seither immer in ihm lauerte.
Noch beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte dicke Luft. Es kam selten vor, dass Davie und seine Mutter sich nicht vertrugen. Aber jeder von ihnen knabberte noch an dem Streit von gestern.
Nach der Schule machte sich Davie nicht sofort auf den Heimweg. Es wartete ja niemand auf ihn. Die seltsame Fernglaserscheinung von gestern zog ihn in die Innenstadt. Er wollte wissen, ob das gestern eine Fata Morgana gewesen war. Und wenn nicht – was es dann gewesen war.
Ein Gutes hatte New York, wenn man die Hauptrichtungen kannte, konnte man sich kaum verlaufen. Fast alle Straßen waren wie auf einem Schachbrett angeordnet. Entschlossen bog er in die 40ste Straße West ein.
Es war ein grauer Tag, nasskalt und ebenso trüb wie seine Stimmung. Eisiger Wind zog durch die Häuserschluchten. Davie rieb sich die Hände. Verdammt, warum hatte er seine Handschuhe daheim liegen lassen? Gut, dass er wenigstens eine Mütze mithatte. Seine Nase tropfte.
Die Leute hetzten an ihm vorüber. Hier in New York hatten es immer alle eilig. Daran hatte er sich auch erst gewöhnen müssen. Alles hier war schneller, lauter, größer, greller. Alles war irgendwie übertrieben.
In den Schaufenstern glitzerte und blinkte es. Gold und Silber, Grün und Rot. Sterne, Engel, Zwerge – und natürlich Weihnachtsmänner. Schnarchende, singende, beleuchtete, welche mit und ohne Rentier.
Und dann, vor dem Eingang von Macys: ein Weihnachtsmann aus Fleisch und Blut. Er bimmelte in einem knallroten, weiß abgesetzten Samtkostüm mit einer Glocke.
Peinlich, dachte Davie. Sein Bart sieht so billig aus! Nicht mal ein Blinder würde darauf reinfallen.
„Hoho!“, grölte der Mann im Kostüm, als Davie an ihm vorbeikam. „Fröhliche Weihnachten.“ Mit aufgesetztem Grinsen hielt er ihm einen Korb mit Werbegutscheinen unter die Nase.
Davie schüttelte den Kopf und ging weiter. Der falsche Weihnachtsmann zog eine beleidigte Grimasse, aber das bekam Davie nicht mehr mit.
Als die 40ste auf die Park Ave stieß, schwenkte Davie nach rechts. Er war sich fast sicher: Das Hochhaus mit dem grünen Türmchen musste irgendwo in der Nähe des Hauptbahnhofs stehen. Inzwischen durchbohrte in die Kälte wie Nadelstiche, sein Ärmel war vom vielen Nasewischen widerlich feucht. Aber bis zum Bahnhof war es jetzt nicht mehr weit. Schon von Weitem sah er den Bahnhofseingang mit den griechischen Säulen. Allerdings musste er auf die andere Seite, zu dem hohen Teil des Gebäudes, in dem früher einmal die Verwaltung untergebracht war.
Der Wind pfiff hier noch ärger. Davie zog die Mütze tief in die Stirn und begann zu rennen. Tatsächlich wurde ihm dabei wärmer. Nach einem ordentlichen Dauerlauf war er endlich am Ziel. Einem schnaubenden Drachen gleich, quoll ihm weißer Dampf aus Mund und Nase. Puh, jetzt hatte er auch noch Seitenstechen! Er war ja völlig aus dem Training! Steve hätte ihn wahrscheinlich um Längen abgehängt und dabei kein bisschen Seitenstechen gehabt. Davie atmete ein paarmal tief durch. Dann reckte er den Kopf.
Das Gebäude, das er suchte, musste eines von den höheren sein. Aufmerksam ging er die Park Ave hinauf. Hier stand ein Hochhaus am anderen. Eine Backsteinkirche mit verschnörkelten Verzierungen an den Fenstern kauerte wie ein verschüchtertes Kaninchen inmitten der hochragenden Konkurrenz.
Und dann blitzte in Davies Kopf plötzlich der Funke des Erkennens auf.
Das da vorn konnte es sein! – Das da vorn war es!
Er wechselte auf die andere Straßenseite, um das Gebäude besser betrachten zu können. Der imposante Bau ragte weit nach oben und besaß nicht ein, sondern zwei Türmchen, die den Abschluss einer größeren Plattform bildeten. Von dieser Plattform aus musste der Mann ihm zugewinkt haben.


Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt.  www.brigitte-endres.de


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