Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Freitag, 29. Mai 2015

Leuchtturm der Abenteuer 02. Flucht durch Bärenstadt von Karim Pieritz


Für Lena ist es ein Dauerzustand, sich über ihren jüngeren Bruder Jan zu ärgern. Er bringt nicht nur seltsame und gefährliche Dinge mit nachhause, sondern lässt auch ihre Sachen immer wieder verschwinden. Auf der Suche nach ihren Puppen nimmt sie sich eine Taschenlampe zu Hilfe, die ihr Bruder irgendwo gefunden hat.
Unglücklicherweise verfrachtet diese Lampe alle angeleuchteten Dinge auf den Planeten Himmelblau. Klar, dass Lena sich versehentlich auch dorthin befördert – und prompt von fiesen Zwergen entführt wird.
Der Elfenjunge Purzel hat das aus der Ferne beobachtet. Er holt Michael und dessen Freund Tim für eine Rettungsmission von der Erde. Aber sie kommen zu spät. Die Zwerge haben Lena schon an die Piraten verkauft und mit ihrem Schiff segeln sie zur dunklen Seite des Planeten in die gefährliche Bärenstadt. Wird es den Kindern gelingen, Lena zu befreien?
Kinder ab 6 Jahren

1.1   Leseprobe


Das Zepter

Am Fuße eines Feuer spuckenden Vulkans liegt die gewaltige Bärenstadt. In ihrem Herzen ist ein großer Platz mit einer uralten Eiche und ganz in der Nähe ist ein Kindergarten.

Dort arbeitet die Bärin Mala. Sie ist 62 Jahre alt, hat hellbraunes Fell und trägt ein rosafarbenes Sommerkleid. In ihrer Zeit als Erzieherin hat sie viele Bären aufwachsen sehen. Sie ist einen Kopf größer als die Kinder und sehr beliebt, auch bei der 5-jährigen Sali.

Sali hat dunkelbraunes Fell und eine für ein Bärenmädchen besonders süße Stupsnase. Sie ist ungefähr so groß wie ein 3-jähriges Menschenkind. Passend zu ihren Augen trägt sie ihre neue, blaue Hose, mit der sie auf jeden Baum klettern kann. Sie glaubt fest daran, dass sie ihr Glück bringen wird.

Sali und die anderen Bärenkinder sitzen im Lesezimmer auf einem kuschelweichen braunen Teppich im Kreis. Durch ein offenes Fenster weht frische Meeresluft hinein und man hört leises Wellenrauschen. An den Wänden stehen Regale, die voll mit bunten Bilderbüchern sind. Die kleinen Bären staunen über das, was Mala heute mitgebracht hat. Es ist ein langer Holzstab mit einem leuchtenden Kristall an der Spitze. Der Stab liegt direkt vor ihnen auf dem Teppich.

"Zaubermeister Bärlo war so freundlich und hat uns sein Zepter ausgeliehen", sagt Mala. "Er wird uns von seinem abenteuerlichen Leben berichten. Bis er kommt, erzähle ich eine Geschichte." Sie hat ein dickes, schweres Buch auf dem Schoß und schlägt eine Seite auf.

"Es war einmal eine junge Frau von der Erde", liest sie vor. "Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr, denn eines Tages verschwanden ihr Sohn und ihre Tochter. Es hieß, sie seien gestorben."

Die Bärenkinder rutschen näher an Mala heran und hören aufmerksam zu.

"Die Frau zweifelte aber daran und so machte sie sich auf die Suche nach ihren Kindern. Dabei fand sie einen Stein, dem man magische Kräfte nachsagte. Die Menschen glaubten, er könne Wünsche erfüllen."

Sali reckt den Arm in die Höhe und fragt: "War das ein Zauberkristall wie dieser hier?" Sie zeigt auf den funkelnden Kristall des Zepters.

"Ja", antwortet Mala. "Bärlo wird euch gleich alles darüber erzählen." Mala rückt sich ihre gelbe Brille zurecht. "Beim Versuch, ihre Kinder mithilfe des Steins zu finden, landete sie auf unserem grünen Mond. Seitdem liegt sie dort in tiefem Schlaf. Ihr seht also, wie gefährlich die Zauberei ist, wenn man sie nicht gelernt hat."

Sali hebt wieder die Pfote und fragt: "Warum weckt sie denn niemand auf?"

Bevor Mala antworten kann, fliegt die Tür auf und ein erwachsener Bär stürmt in das kleine Lesezimmer hinein. Er trägt eine rote Augenklappe und richtet seinen Krummsäbel auf die am Boden sitzende Erzieherin. Dabei schreit er: "Ich nehme dieses Zepter in meinen Besitz."

"Das wirst du nicht tun", entgegnet Mala und legt das Buch auf den Teppich. Sie nimmt den Stab und schlägt den Säbel damit zur Seite. Dann steht sie auf und stellt sich schützend vor die Kinder. Mit ihren braunen Augen funkelt sie den Bären herausfordernd an.

"Geh da weg", brüllt der Bär und fuchtelt mit dem Säbel vor ihr herum. "Ich bin der schreckliche Pirat Obertatze!"

"Hm", brummt Mala und der Bär sieht sie verunsichert an. "Du bist doch der kleine Pupu", sagt sie plötzlich. "Du hast schon als Kind den anderen ihre Spielzeuge weggenommen. Es wundert mich nicht, dass du ein Pirat geworden bist."

"Ich heiße nicht ... so, wie du gesagt hast", stammelt Obertatze verlegen.

"Doch", entgegnet Mala, "du bist der kleine Pupu Pummeldösel aus der Mondscheingasse 6."

Die Kinder fangen an zu tuscheln und zu kichern, einige lachen sogar laut. Nur Sali schaut ihn wütend an. Wie kann er es wagen, uns zu überfallen, denkt sie empört.

Der Pirat senkt langsam seinen Säbel und weicht ein paar Schritte zurück. Plötzlich kommt ein weiterer, größerer Bär herein. Er trägt eine rote Jacke mit goldenen Tatzen auf den Schultern und sein Säbel ist etwas länger.

"Kapitän Urs", ruft Obertatze überrascht.

"Muss man denn alles selber machen?", brummt der Kapitän wütend. "Ich werde mir noch einmal überlegen, ob du bei uns mitmachen darfst." Dann sieht er Mala herausfordernd an. "Gib mir das Zepter und wir lassen euch in Ruhe." Sein Säbel zeigt drohend in ihre Richtung.

"Niemals werdet ihr einen magischen Kristall in euren Besitz bekommen, ihr gemeinen Piraten", ruft sie wütend. Ganz unerwartet macht der Kapitän einen Satz nach vorne und schnappt sich das Zepter. Dabei verliert Mala das Gleichgewicht und stürzt auf den Boden. "Aua", stöhnt sie und reibt sich mit der Pfote den schmerzenden Po.

"Nein!", schreit Sali und springt auf. Sie greift nach dem Zepter und zerrt daran. "Verschwindet", brüllt sie. In ihren blauen Augen spiegelt sich der Kristall, der nun selbst blau leuchtet. Obertatze nimmt respektvoll Abstand von der Zepterspitze, die immer heller strahlt. Kapitän Urs hingegen versucht, das Mädchen in die Ecke zu drängen.

"Lass uns in Frieden", schreit Sali wütend. Sie sucht nach dem schlimmsten Schimpfwort, das sie kennt und sie wählt die abscheulichste Kreatur, die ihr einfällt: "Verschwinde, du ... du gemeiner Hase!"

In diesem Augenblick leuchtet der Kristall so hell auf, dass alle ihre Augen verdecken müssen. Als sie wieder sehen können, sitzt neben Obertatze ein weißes Häschen auf dem Boden.

"Was ist denn hier passiert?", fragt ein alter Bär in einem braunen Umhang. Er steht in der offenen Tür und schaut verwundert zwischen Sali und dem Hasen hin und her.

*

Mala und die Kinder haben mittlerweile den Leseraum verlassen. Auch Obertatze hat sich seinen Kapitän geschnappt und ist verschwunden. Der Zaubermeister Bärlo sieht nachdenklich aus dem Fenster und streicht sich dabei über seinen langen grauen Bart. Mit der anderen Pfote stützt er sich auf sein Zepter. Sali steht neben ihm und hat Angst. Ist er vielleicht böse, weil sie ohne Erlaubnis gezaubert hat? Wird er sie bestrafen? Plötzlich dreht er sich um und schaut ihr direkt in ihre blauen Augen.

"Du bist ein wirklich mutiges Kind", sagt er. "Du kommst dieses Jahr in die Schule und musst dich entscheiden, was du später werden willst. Möchtest du vielleicht Zauberin werden? Dann wäre ich sehr gerne dein Lehrer."

"Ich? Eine Zauberin?" Sali ist verblüfft. "Aber ich bin doch nur ein Mädchen."

"Soll ich dir ein Geheimnis verraten?", flüstert Bärlo und Sali nickt. "Mädchen können ganz toll zaubern und du bist sehr begabt."

Als ihre Mutter sie vom Kindergarten abholt, ist Sali voller Freude. Ja, sie wird einmal eine Zauberin. Vielleicht kann sie dann sogar diese Frau auf dem Mond aufwecken und ihr helfen, ihre Kinder zu finden.




Die 11-jährige Lena und ihr 9-jähriger Bruder Jan wohnen am Stadtrand von Immergrün. Vor sechs Jahren verschwanden ihre Eltern aus ungeklärten Gründen und seitdem leben die Kinder bei ihrer Tante Elisabeth. Lena erinnert sich kaum an ihre Eltern, aber etwas von ihrer Mutter ist ihr geblieben: ihre drei heiß geliebten Puppen. Die Puppen sitzen normalerweise friedlich auf einem Regal über Lenas Schreibtisch. Doch nun sind sie verschwunden.

*

Lena ist in ihrem Zimmer und durchwühlt aufgeregt Schränke und Schubladen. Sie vermutet Jan als Bösewicht. Wenn irgendetwas verschwindet oder kaputt geht, dann steckt meist ihr kleiner Bruder dahinter. Schon oft hat er ihr Spielzeug einfach genommen, ohne zu fragen. Aber was hat er mit ihren Puppen gemacht? Jan hasst Puppen. Lena kriecht unter ihr Bett, um dort nachzuschauen. Dabei rutscht ihre Brille von der Nase. Da sie stark kurzsichtig ist, kann sie nichts mehr erkennen und schiebt die Brille versehentlich noch weiter nach hinten. Sie robbt zurück und steht auf. "Ich brauche eine Taschenlampe", ruft sie und weiß auch sofort, wo sie eine findet.

"Jan", brüllt sie durch die Wohnung. Sie geht zielstrebig den Flur entlang auf sein Zimmer zu. Die Tür ist offen, aber von Jan gibt es keine Spur. Tante Elisabeth und Jan sind also schon auf dem Weg zur Schule, denkt Lena. Schön, dass ich heute erst zur dritten Stunde muss.

Jan spielt doch in der letzten Zeit immer mit diesem bunten Ding herum, grübelt sie. Und da ist sie schon: Jans Taschenlampe. Sie nimmt die Lampe, läuft in ihr Zimmer zurück und robbt unter das Bett. Sie drückt auf den Einschalter und erkennt im Lichtschein undeutlich ihre Brille, die sich mit einem "Peng" vor ihren Augen in Luft auflöst.

Lena zuckt erschrocken zusammen. "Was war denn das?", ruft sie verblüfft. Mit gerunzelter Stirn betrachtet sie die Lampe und schaut ins Licht. Ihr wird schwindlig und alles um sie herum scheint sich zu drehen. Sie sieht verschwommene bunte Flecken und ihr wird übel.

Nach einer Weile bemerkt sie, dass sie auf etwas Grünem mit Stacheln liegt. Sie erkennt es als Rasen. Dann guckt sie genauer hin und entdeckt ein vierblättriges Kleeblatt. Und daneben noch eins. Und noch eins. "Das gibt‘s ja nicht!", ruft sie verwundert. "Jetzt muss ich ja viel Glück haben."

Über den Autor

Karim Pieritz lebt mit seiner Familie in Berlin. Als sein Sohn in den letzten Jahren immer wieder neue Abenteuergeschichten von ihm hören wollte, weckte das seine Inspiration. Schon beim ersten Buch war ihm klar gewesen, dass er nicht nur eine einzige Geschichte erfunden hatte. Er hatte ein lebendiges Universum voller Magie vor sich, welches sich ständig weiter entwickelte. Das Ergebnis war die Kinderbuch-Reihe „Leuchtturm der Abenteuer“ für Kinder ab 6 Jahren.
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