Leseproben für kleine Schmökerratten
- Kinderbücher von Indie-Autoren

Dienstag, 25. August 2015

HILFE, BERNHARDINER GEERBT! von Brigitte Endres



Tierarztpraxis Bärental/Band 1

Klappentext:
Durch ein Erbe kommt Familie Vogelsang sehr überraschend auf den Hund. Doch nicht genug damit. Neben dem Bernhardiner Bernhard und der resoluten Haushälterin Mathilde, hat Dr. Vogelsang auch noch eine Tierarztpraxis in Bärental geerbt. Außer Linchen, der Jüngsten, ist keiner der Vogelsangs davon begeistert, von der Stadt aufs Land ziehen zu müssen. Vor allem Antonia und Felix hadern schwer damit. Was die Vogelsangs in Bärental erwartet, und wie sie sich allmählich mit den Herausforderungen ihres neuen Lebens anfreunden, erzählt dieser turbulente erste Band der Reihe, in dem es viel zu lachen gibt.

Eine warmherzige Geschichte um „tierische“ und menschliche Probleme.
Für Tierfreunde ab 8 Jahren


Link zum E-Buch:
Das Buch erschien in der Erstauflage im Herder-Verlag und ist bereits vergriffen. Jetzt ist es als Kindle-Ebook wieder zu haben.


Leseprobe:
(Kaum in Bärental angekommen, wird Dr. Vogelsang schon gebraucht. Mathilde und Linchen begleiten ihn.)

Als der Jeep auf den Hof rollte, raste ihnen, aus Leibeskräften kläffend, ein halbhoher Mischlingshund entgegen.
Mathilde griff nach einer großen braunen Tasche und stieg aus. „Ist ja gut! Bist ein prima Hofwächter, Zottl!“, lobte sie den Hund. Zottl hörte sofort auf zu bellen und begrüßte sie freudig.
Linchen sprang entzückt aus dem Auto. Das war ja ein echter Bauernhof, genau wie in ihrem Bilderbuch! Hühner pickten unter einem Apfelbaum, eine Katze strich am Haus entlang. Die Stalltür stand offen, süßlicher Stallgeruch erfüllte die Luft.
Ein kleiner kräftiger, sonnengebräunter Mann erschien im Türrahmen. „Gut, dass ihr gleich gekommen seid, Mathilde“, sagte er erleichtert und reichte dann Dr. Vogelsang die Hand. „Und Sie sind also der neue Doktor?“
Herr Vogelsang nickte beklommen, während er den herzlichen Händedruck Haslers entgegen nahm.
„Die Babsi plagt sich jetzt schon über eine Stunde mit den Presswehen“, sagte der Bauer, „aber sie kommt einfach nicht weiter.“
Er ging voran. In einer Box lag auf einer sauberen Strohschüttung eine hübsche braune Kuh. Ein kleiner Junge, etwa in Linchens Alter, kauerte hinter ihr und hielt ihren Schwanz hoch.
Mathilde stellte die Tasche ab. „Na Maxl, hilfst du der Babsi?“
„Die Füße haben schon rausgeschaut, aber dann sind sie wieder reingeschlüpft“, antwortete der Kleine.
„Das Problem ist, das Kalb ist recht groß“, erklärte Bauer Hasler. „Wenn’s nicht ihr erstes wär, würd ich’s ja selber holen. Aber mir ist schon lieber, wenn Sie das machen Doktor.“
In diesem Moment ging eine gewaltige Anspannung durch den Körper der Kuh, ihre Flanken zitterten. Für einen Moment konnte man tatsächlich die Vorderbeine des Kälbchens sehen.
Linchen staunte. „Unterm Schwanz kommt das Kalb raus?“
Der kleine Maxl bemerkte Linchen erst jetzt. Er grinste. „Wo denn sonst?“
„Also, mein …“, Mathilde stockte, „mein Dr. Vogelsang. Was schlägst du vor?“
Herr Vogelsang hatte die ganze Zeit fieberhaft überlegt, was er über Zughilfe beim Kalben gelernt hatte.
„Zugbänder um die Mittelhand und dann mit den Wehen ziehen“, antwortete er.
„So und nicht anders!“, sagte Mathilde zufrieden und kramte geschäftig die Zugbänder aus der Tasche.
Maxl machte den beiden Platz, und stellte sich neben Linchen. Neugierig beäugten sich die Kinder.
Mathilde und Dr. Vogelsang warteten auf die nächste Wehe, dann schlangen sie die Bänder um die Fesselgelenke des Kalbes. Der Leib der Kuh presste sich mit aller Kraft zusammen.
„Jetzt!“, rief Mathilde.
Beide zogen an. Für einen Moment erschien das Maul des Kalbes. Doch als die Wehe vorbei war, rutschte es wieder zurück. Einige Male ging das so. Endlich drang der Kopf mit den Vorderbeinen durch.
„Komm Babsi, mach zu!“, ermunterte Mathilde das Muttertier. „Jetzt hast du’s gleich!“
Durch die Kuh ging ein Ruck, sie presste noch einmal ordentlich. Mathilde und Dr. Vogelsang zogen wieder an – und der restliche Körper des Kälbchens flutschte heraus. Erschöpft sah sich Babsi nach ihrem Kind um. Ganz nass vom Fruchtwasser und fast leblos lag es da.
„Ui, ist das süß!“, rief Linchen.
Mathilde strich mit einer geübten Handbewegung über die Nase des Kleinen, um die Nasenlöcher vom Schleim zu befreien. Dann massierte sie mit einem Bündel Stroh den Brustkorb des Kalbes.
„Warum machst du das?“, fragte Linchen.
„Damit sein Kreislauf in Gang kommt“, erklärte ihr Mathilde.
Inzwischen hatte der Bauer eine große Schüssel Wasser für Babsi geholt. Gierig trank sie alles aus. Dann schleppte er das Kalb vor zum Kopf seiner Mutter. Babsi betrachtete es verwundert, so, als könne sie selbst kaum glauben, dass dieses niedliche Kälbchen ihr eigenes war. Sie begann, es trocken zu lecken. Dabei muhte sie, dunkel und samten, mal lauter, mal leiser. Das Junge hob den Kopf und sah sie vertrauensvoll an. Es wusste jetzt, wie das Muh seiner Mutter klang, es würde ihre Stimme unter tausend anderen heraushören.
Niemand im Stall sagte ein Wort. Es lag etwas Feierliches, Berührendes in diesem Augenblick. Linchen starrte, den Finger in der Nase, fasziniert auf das Mutterglück. Sie verstand, ohne dass man ihr das sagen musste, dass man die beiden jetzt nicht stören durfte.
„Papsili, darf ich das Kälbchen morgen besuchen?“, flüsterte sie Dr. Vogelsang zu.
„Au ja“, rief Maxl freudestrahlend. „Und dann spielen wir zusammen.“ ...

Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt.  www.brigitte-endres.de

  

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